Theorizing the Internet…

22. November 2008

Gestern hat die erste achtstündige Sitzung des Seminars Internetforschung (Untertitel: Theorizing the Internet) des Graduiertenzentrums Sozialwissenschaft stattgefunden und es war eine famose Sache! Leitthema war Das Internet im Kontext von globalisierungstheoretischen und cyberanthropologischen Überlegungen, die leitenden Professorin und Professor, Univ.Prof. Elke Mader und Ao. Univ.-Prof. Dr. Manfred Kremser, beide vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, gaben dem ganzen einen wunderbaren Start, durch Input, Feedback, Moderation und vor allem die Offenheit und das angenehme Unprofessorale ihres Erscheinens. Danke:)

Als nur in der Verbindung mit ihren Gerätschaften wirklich gut funktionierend Lernende, die am besten verarbeiten kann, was sie mitschreibt (sei es mit Bleistift oder Laptop – allerdings verbessert letzterer die Lesbarkeit erheblich) habe ich mir umfangreiche Notizen gemacht – die man jedoch so nicht veröffentlichen kann, stelle ich fest.

Zum einen weil die Notizen als Text inkohärent sind (und zum Aufbereiten fehlt mir die Zeit), zum anderen, weil etliche unscharfe Notizen, unsaubere Gedanken darin enthalten sind, die ich in dieser Form nicht veröffentlichen möchte.

Ein paar Links und Ressourcen kann man “auf die Schnelle” (hat dann doch wieder länger gedauert als erwartet) jedoch extrahieren:

Orisha-Religion:

An Orisha (also spelled Orisa or Orixa) is a spirit or deity that reflects one of the manifestations of Olodumare (God) in the Yoruba spiritual or religious system (Olodumare is also known by various other names including Olorun, Eledumare, Eleda and Olofin-Orun. This religion has found its way throughout the world and is now expressed in several varieties which include Anago, Oyotunji, Candomblé, Lucumí/Santería, and the Orisa religion of Trinidad, as well as some aspects of Umbanda, Winti, Obeah, Vodun and Vodou as well as many others. These varieties or spiritual lineages as they are called are practiced throughout areas of Nigeria, the Republic of Benin, Togo, Brazil, Cuba, Dominican Republic, Guyana, Haiti,Jamaica, Puerto Rico, Suriname, Trinidad and Tobago, the United States, and Venezuela among others. As interest in African indigenous religions (spiritual systems) grows, Orisha communities and lineages can be found in parts of Europe and Asia as well. While estimates vary, there could be more than 100 million adherents of this spiritual tradition worldwide.

Ein gestern ergoogelter Artikel über Fandom im Netz. Exzerpt:

Writing before the widespread popularity of the Internet, Fiske (1992) considered enunciative productivity as a product of face-to-face communication. However, online communication, as seen in online guestbooks where visitors can both leave a message and read messages left by others, seems to be another type of fan talk. The messages aren’t necessarily written with an eye to being archived, but rather are part of an asynchronous multi-location conversation. Enunciative productivity is part of creating a social identity; online communication can be part of that creation process. For example, several pages identified by Chandler and Roberts-Young (1998) in their study of adolescents’ Web pages, were created by frequent chat room participants; the creators of these sites referred other chatters to the Web site if they were interested. The software necessary to put a guestbook on a site is available free from a variety of sources so even a technical novice can have a guestbook.

Communitas und Liminalität nach Victor Turner:

Turner gained notoriety by exploring Arnold van Gennep’s threefold structure of rites of passage and expanding theories on the liminal phase. Van Gennep’s structure consisted of a pre-liminal phase (separation), a liminal phase (transition), and a post-liminal phase (reincorporation). Turner noted that in liminality, the transitional state between two phases, individuals were “betwixt and between”: they did not belong to the society that they previously were a part of and they were not yet reincorporated into that society. Liminality is a limbo, an ambiguous period characterized by humility, seclusion, tests, sexual ambiguity, and communitas. Communitas is defined as an unstructured community where all members are equal.

Blogpost von Henry Jenkins (Autor von Convergence Culture: Where Old and New Media Collide):

The Moral Economy of Web 2.0 (Part One)
The Moral Economy of Web 2.0 (Part Two)

Bibliographie der Digiplay Initiative, referenziert z.B. Jos de Muls “The Game of Life: Narrative and Ludic Identity Formation in Computer Games”, DiGRA 2005 Conference: Changing Views–Worlds in Play, 2005

Terminologie:

The terms Internet and World Wide Web are often used in every-day speech without much distinction. However, the Internet and the World Wide Web are not one and the same. The Internet is a global data communications system. It is a hardware and software infrastructure that provides connectivity between computers. In contrast, the Web is one of the services communicated via the Internet. It is a collection of interconnected documents and other resources, linked by hyperlinks and URLs.[

Und hier noch der großartige Leroy Jenkins Wipe, eine gefilmte Szene des Untergangs einers WoW-Gilde – Leroy war bei der Lagebesprechung wohl auf dem Klo oder sonst wo, kam wieder und rannte direkt in den Kampfraum rein. Der Rest der Gilde ist verwirrt und rennt hinterher – wipe out!

Und in Sachen Persönlichkeits-Lernen am gestrigen Tag: Mich hat selbst verblüfft, wie sehr ich mittlerweile eine Semantic Web Advokatin geworden bin – offensichtlich sehe ich jetzt schon so viel durch die Semantic Web-Brille, dass die Frage “Wie vernetzen wir uns in der Zukunft?” für mich logischerweise mit Linked Data beantwortet werden muss. Warum diese großartige Technologie nicht zur Kenntnis nehmen, wenn sie so viele Fragen beantwortet? (Note to self: jetzt heule ich genauso, wie SemWeb Developer rumheulen, dass der Rest der Developer immer noch zu XML greift, statt RDF zu verwenden; btw, in diesem Blogpost sind die Prinzipien von Linked Data kurz zusammen gefasst).

Aber das Treffen gestern sollte ja kein SemWeb Awareness Meeting werden – ein bisschen konnte ich zugleich die Frustration nachempfinden, die Yves Raimond geäußert hatte angesichts der Tatsache, dass schon so viele Daten den Linking Open Data (LOD)-Richtlinien entsprechend publiziert sind, und diese einfach nicht genutzt werden. Dass das Semantic Web nach wie vor als Zukunftsmusik gilt, und dass das Anwenden desselben und Reden darüber außerhalb der Semantic Web Community als (derzeit noch) nicht lohnenswert empfunden wird. Seufz. Linked Data ist ja nun doch kein fernes Zukunftsszenario, sondern eine von einer noch relativ kleinen, aber wachsenden und vor allem sehr engagierten Forscher- und Entwicklergruppe vorangetriebene, in vielen Prototypen und auch funktionierenden Anwendungen vorhandene Realität – man sehe sich die Ergebnisse der Semantic Web Challenge an, deren Awards Ende Oktober vergeben wurden. Ist ein Link, der nicht von einem Menschen gesetzt wurde, nicht sozial? Lohnt es sich im Web of Data noch, den einzelnen Link zu betrachten, wenn dieser (qualitativ hochwertige, von menschlicher Intelligenz identifizierte) Link vernetzt ist mit anderen, durch Komputation ermittelte Links? Das eigentliche Potenzial liegt doch in der Vernetzung der beiden, etc. pp.

Hier noch ein Bild der Linked Data Cloud – sie wächst und wächst, mittlerweile kursieren verschiedene Varianten dieses Bildes (Quelle), und jüngst hinzu gekommen sind OpenCalais und Freebase, UMBEL könnte man u.U. auch erwähnen, auch wenn UMBEL Konzepte stellt, nicht Daten.

Linked Data Cloud

Ein weitere, sich gestern noch einmal für mich bestätigende, persönliche Herausforderung: Wie bringe ich selbst meine beiden disparaten Wissenswelten zusammen – meine webtechnologischen Wissenskompetenzen einerseits, und meine theater-, film- und fernsehwissenschaftlichen Wissenskompetenzen andererseits? Sämtliche Interaktionen, Kommunikationen, Rezeptionen im Web erfolgen Daten und IT-Infrastruktur basiert – das allein scheint ein Argument für vor allem empirische Annäherung zu sein. Zugleich hänge ich zu sehr am Spekulativen, ohne jedoch (aktuell) persönlich in der Lage zu sein, den Wert der spekulativen Ermittlung zu verteidigen, gerade nicht, wenn ich andererseits an den Technologien interessiert bin. An genau dieser Frage stand ich jedoch schon häufiger, und meine Tröstung war dann immer dieser Satz Adornos (aus der Logik der Sozialwissenschaften, sein Beitrag zum Positivismusstreit).

Schließlich ist auch die Kategorie des Problems nicht zu hypostasieren. Wer einigermaßen unbefangen die eigene Arbeit kontrolliert, wird auf einen Sachverhalt stoßen, den zuzugestehen nur die Tabus angeblicher Voraussetzungslosigkeit erschweren. Nicht selten hat man Lösungen; es geht einem etwas auf, und nachträglich konstruiert man dann die Frage.

Je nun: Im nächsten Semester suche auch ich mir eine Einführung in die Content-Analyse, und dann schaun wir mal, wie weit man mit der Kombination von spekulations- und empiriebasierter Einsicht kommt.

Und sehr freue ich mich auf die Gelegenheit, morgen auf dem BarCamp Graz mit Heinz eine Session zu machen zum Thema: Was können geistes- und kulturwissenschaftliche Theorien über das Web sagen?


Gemeinschaftskunde 2.0: Europa ist doch ein Land, kein Kontinent (findet Sitemeter)

11. Juli 2008

Im Zeitalter der Onlinemedien werden nationale Grenzen neu gemischt. Statt Landesgrenzen zählen die Grenzen von Sprache, Interessen und Zugang zu elektronischen Netzwerken. Gerade habe ich im Museumsquartuer mit Thomas T. ein Kracherl getrunken – Thomas twittert nicht, und so kriege ich eine Menge nicht mit von dem, was um ihn so passiert (aber darum geht man ja Kracherl trinken). Er allerdings, der nicht twittert, liest ab und zu Tweets und wusste daher, dass ich – wenn man mich vor die Wahl Cocktail oder Aperol Spritzer stellt – den Aperol wählen würde. So stellt sich kurioses Informationsungleichgewicht im sozialen Miteinander ein, das es früher freilich auch immer gegeben hat – Klatschbasen wussten mehr, ebenso Leute, die Zugang zu Klatschbasen hatten (die Klatschbase in meinem Gleichnis war freilich nicht TT sondern Twitter).

Eine andere Möglichkeit, Gemeinschaft, “lumps and splits” herzustellen, wie David Weinberger das nennt (s.u.) und zugleich noch das eheste Nationalitätssurrogat, ist die Ermittlung von IP-Adressen – für den User scheint das meist irrelevant zu sein, wird aber relevant, wenn man z.B. VH1 USA im Netz ansehen möchte: Das geht nur mit einer US IP-Adresse. Auch Blogstatistiken machen einen immer wieder auf IP-Adressen aufmerksam (ich wünsche mir z.B., dass der regelmäßige Leser dieses Blogs aus den USA mein Freund Tino M. ist – vielleicht irre ich mich aber und es sind immer einzelne, versprengte andere New Yorker). Und heute hatte ich außerdem Besuch aus Europa:

Was dann vermutlich beweist, dass Europa doch ein Land sein kann, abhängig vom Blickwinkel. Der Besucher kam übrigens von der IP 213.199.128.# | (Microsoft European Internet Data Centres) | microsoft.com. Vielleicht gelten für die Leute bei Microsoft andere Regeln? Vielleicht dürfen die ihre IP-Welt dort nach Kontinenten aufteilen – hoffentlich bekomme ich mal Besuch von Microsoft Afrika!

Hier noch das angekündigte Weinberger-Zitat (kopiert von Wired, “Order is in the eye of the tagger“):

Aristotle lays out a task for all those who want to know their universe: Go forth and lump and split.

“Lump” and “split” are not Aristotle’s words, but, surprisingly, they are technical terms among professional indexers. Seth Maislin, a member of the board of directors of the American Society of Indexers and a consultant on indexing to the likes of the United Nations and Microsoft, explains: “A lumper takes things that seem disparate and combines them because they have something similar. A splitter tends to take two things that are lumped together and separate them into smaller categories.” Indexers tend to be one or the other, their technique driven by their personality.

Every day we face the same choices as professional indexers. Some of us store all our bed linens in one pile in the closet, while others of us separate them by bedroom, color, weight, and season … and then arrange each little pile so the least-worn sheets are on top. When asked if we know the way to San Jose, our directions lump together a long stretch of road rather than counting the precise number of lights — “just keep going for a while” — but split out the strip mall on the right because we think it will be a useful landmark. And much of our conversation is about the right lumping and splitting. Your friend didn’t like the movie last night because she thought it was supposed to be a comedy. No, you say, it wasn’t supposed to be a laugh-out-loud comedy. It was more of a chortle-inwardly comedy … more like Amélie than Animal House. We are constantly negotiating life’s lumps and splits, from trying to decide which kid gets to ride in the front to arguing over health-care reform.


Warum man mit CRM-Systemen nie “spielen” sollte (gilt auch für Wissenschaftler)

9. Juli 2008

Die Uni Würzburg hat eine löbliche Wissenschaftler-Community gegründet namens Scholarz.net, ihrerseits hervorgegangen aus dem Forschungsprojekt “Wissenschaftliches Arbeiten im Web 2.0″ – das Ding soll quasi ein Facebook für Wissenschaftler werden. Und weil sie auch CRM-technisch alles richtig machen wollen, haben sie jetzt einen Newsletter. Der erreichte mich gestern – nebenbei hatte man mich nie gefragt, ob ich einen Newsletters will, den Unterschied zwischen Opt in, Opt out, und Double Opt in sollten sie also auch bald mal lernen. Wenn man sich den Newsletter durchliest, merkt man, dass da noch einiges mehr in die Hose gegangen ist:

Messer, CRM und Licht, sind für Wissenschaftler nicht

Messer, CRM und Licht, sind für Wissenschaftler nicht

Hihi! Wenn man schon den Newsletter testet, sollte man einen Text verwenden für den man sich nicht schämen muss, denn es kann IMMER was schief gehen – auch ich hab schon Newsletter versehentlich rausgejagt. Lustigerweise kam die Entschuldigungsmail sogar schon vor der Malaise, insofern war ich da gleich doppelt gespannt – ich hätt’s sonst vielleicht übersehen:

Sehr geehrte Nutzer von scholarz.net,

seit heute haben wir unser neues Newslettersystem am Start.

In der letzten Woche haben wir noch ein wenig getestet, aber die
Tests waren wohl nicht intensiv genug.

Nach dem einspielen der Empfängeradressen wurde doch prompt eine
Test-Email, die an die Mitarbeiter von scholarz.net gedacht war an
einige von Ihnen versandt.

Das bitten wir vielmals zu entschuldigen. Das ganze war ein
Insiderscherz und auf uns selbst gemünzt, für die Mitarbeiter daher
lustig. Wir hoffen Sie können auch darüber schmunzeln.

Wir werden das System in Zukunft mit größerer Sorgfalt bedienen.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr scholarz.net-Team

Im August erscheint übrigens ein Artikel zum Thema Web 2.0 und Wissenschaft in “IM – Information Management & Consulting” in Heft 3/2008, “IT Risk Management / Service Engineering”, verfasst Francois Bry und mir – da geht es dann auch kurz um Scholarz.net