Als ich die Nachricht eines Freundes - “popkomm abgesagt. Grund: Pirate Bay” - auf Facebook las, dachte ich erst, das wäre ein pfiffiger Witz von einem pfiffigen Freund. Eine Viertelstunde später gab’s einen ähnlich lautenden Tweet von Daddy D und dazu einen Link auf diepresse.com. Dort war zu lesen:
Die Musikmesse Popkomm fällt in diesem Jahr überraschend aus. “Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen”, sagte der Messegründer und Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny, am Freitag.
“Die digitale Krise schlägt voll auf die Musikwirtschaft durch.” Deshalb sei die Absage auch als Aufforderung an die Politik zu werten, mehr gegen Internetpiraterie zu tun. Die Messe – einer der wichtigsten Treffs der Branche – war vom 16. bis 18. September in Berlin geplant.
‘Ja, leck mich’, war meine erste gefühlte Reaktion und die zweite, als Tweet formuliert:
Denn was kann das ganze anderes sein als ein PR-Stunt? Wenn Musikpiraterie wirklich das Kernproblem der Branche wäre (und nicht z.B. die schlechte, an Quickwins ausgelegte A&R-Arbeit), dann sollte man aber schon gar nicht auf die jährliche Fachmesse verzichten, sondern diese Problematik vielmehr dort in den Mittelpunkt stellen. So man sich ernsthaft, d.h. nicht nur mit blinden Kriminalisierungskampagnen damit auseinandersetzen will.
Wahrscheinlicher ist es wohl, dass man sich im Dunstkreis von VIVA-Mitgründer Dieter Gorny völlig verschätzt hat, wie eine solche Ankündigung in der Öffentlichkeit ankommt. Spekuliert hat man wohl auf eine Reaktion wie die folgende:
“Oh nein, wir müssen dringend was gegen die Internetpiraten machen, damit Dieter Gorny uns die Popkomm wieder gibt!”
Eine klassische Erziehungsmaßnahme: Wenn die Musikkonsumentin sich nicht so benimmt, wie die Musikindustrie sich das vorstellt, versucht man ihr das Zuckerl wegzunehmen – nämlich die Straßenfest- und Kommerzkarnival-Atmosphäre, die manche mit Nähe zu den Popstars verwechseln.
Denn was ist die Popkomm wirklich? Ich kenne sie noch aus Kölner Zeiten, wie sie nach dem Umzug in Berlin ablief kann ich schwer sagen, aber der folgende Tweet von Regine Heidorn (als Antwort auf meine Frage “Liebe Leute in Berlin! Könnt ihr es schaffen, eine bottom-up Popkomm zu organisieren? #unkomm”) zeigt doch, wie wichtig die Popkomm wirklich ist:
Meiner Kölner Erinnerungen eingedenk würde der Verlust der Popkomm folgendes bedeuten:
- keine Massenveranstaltungen mehr an öffentlichen Plätzen, die die Dixi-Klos zum überlaufen bringen
- keine Heerscharen von Promotoren, die Zigaretten oder Alk bewerben, Daten für sinnlose Gewinnspiele sammeln und Berge von ungelesenen Flyern hinterlassen
- keine Gelegenheit für die Handvoll gehypter Allstars der großen Label, jede Stunde auf einer anderen Bühne ihren Hit und den geflopten Folgetitel nochmal zum besten zu geben
- keine überbewerteten, von Majors organisierten angeblichen Exklusiv-Veranstaltungen a.k.a. Meet & Greet mit Bijongseh und Yvön Catterfeld oder wie die alle heißen
keine gratis Cokelines für die A bis Z-Prominenz der Journaille, Musik- und Medienbranche im Backstagebereich des Messe-Venues- keine Gelegenheit für kleine, junge wie alte Bands, sich einem Publikum vorzustellen
Eh klar: Der letzte Punkt ist der einzige, um den es schade ist.
Und gerade für den braucht man die Musikindustrie und Dieter Gorny und die Popkomm nun wirklich überhaupt nicht.
Eine bottom-up organisierte Musikmesse könnte also wie folgt aussehen:
- Messe als dezentrale Konzertreihe: Warum alle nach Berlin reisen? Das treibt die Preise für die Unterkunft in die Höhe bzw. zwingt die Spätbucher mehr auszugeben als nötig. Für die Umwelt ist es sowieso nicht gut. Venues für gute Musik und Konzerte gibt es dagegen überall. Unter dem Dachbegrifff #unkomm veranstalten viele mittlere, kleine und kleinere Musikschuppen ein dezentrales Musikfest – alles ist erlaubt, wo die Preise moderat sind und die Musik im Vordergrund steht.
- Messe mit minimalstem Marketingbudget: Ganz im Ernst – die gebrandeten T-shirts, Tassen und Taschen, die Tonnen Flyermaterial, die messebetreute, schwerfällige Website, das braucht es alles nicht. Irgendjemand müsste einen Wiki bereit stellen/sponsern und mit verschiedenen Seiten für die verschiedenen Städte ausstatten, das wäre schon hilfreich. Man braucht ein simples Logo, das auf einem billigen Drucker, d.h. am besten in schwarz-weiß ausgedruckt werden kann, so dass man es außen an Lokal/Bar/Club anbringen kann. Eventuell braucht es umgekehrt auch Bestimmungen dafür, welcher Eintrittspreis nicht überschritten werden darf – je günstiger die Tickets je besser. Teure Orga und Marketingausgaben rechtfertigen so jedenfalls keine überhöhten Preise.
- Messe mit Themen, die von den Menschen kommen: Ähnlich wie BarCamps den Wissensaustausch auf offenen Konferenzen revolutioniert haben, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sich Musikjournalisten, Künstler und Branchenvertreter nur näher kommen können, wenn das ganze in klimatisierten Räumen mit Zugangsbeschränkung stattfindet. Gerade für die Themen, die den Künstlern am Herzen liegen (etwa “Was mache ich, wenn man mir einen Knebelvertrag anbietet?” “Ist DSDS meine letzte Chance?” “Wie ist das mit den Samples und was ist Creative Commons?”) sollte ein BarCamp-artiges Format viel besser geeignet sein, die Künstler wirklich zu unterstützen.
Ein Barcamp ist eine Unkonferenz – eine #unkomm wäre dann das Gegenteil der Popkomm. Nur das Beste, der Musik förderlichste vom Popkomm-Konzept soll übrig bleiben!
Soweit die Gedanken. Wenn ich Zugang zu einem Musikvenue hätte, würde ich mich sofort mit ein paar Leuten zusammen setzen um zu schauen, wie man sowas organisieren kann. Und auf den zweiten Blick: Mit den Leuten im Quartier für Digitale Kultur im Wiener Museumsquartier ließe sich bestimmt ein Programm zu den Themen Netz, Musik und Elektronik zusammenstellen (auch wenn ich irgendwann vor kurzem behauptet habe, ich würde jetzt ENDLICH mit dem freizeitlichen Organisieren freier Events aufhören;-).
So oder so: Nachhall braucht das ganze, denn nur in Wien ist’s witzlos. Aber eine #unkomm, die den deutschsprachigen Raum übergreift (evtl. in Zusammenarbeit mit dem Future Music Camp?) das wäre doch eine feine Sache – und sei’s nur um dem Herrn Gorny und der Musikindustrie zu zeigen, wie wichtig, nämlich unwichtig sie im Vergleich zur internet- und webgestützten Kreativität wirklich sind.
Zum Abschluss noch ein Vorschlag für ein simples, wirklich auf jedem Rechner ausdruckbares oder schnell nachzubauendes Logo (Schrift: Courier, auf jedem Rechner vorhanden):

Und wenn es doch was mit Farbe sein soll, dann einfach so – mit den roten ‘Das ist falsch!’-Kringerln von MS Word darunter:-D
Bitte bedienen Sie sich, alles Textmaterial in diesem Blogpost steht unter einer Creative Commons Lizenz (BY), das Logo übergebe ich hiermit in die Public Domain!*
Die Facebook-Page zur #unkomm gibt es hier: http://www.facebook.com/pages/Everywhere/unkomm/90225583130
Vielen Dank für Weiterleitung an MusikerInnen, musikaffine Menschen, Menschen, die in Clubs, Bars, Konzertvenues arbeiten oder solche betreiben, in der Musikindustrie tätig sind, etc. Man kann sich diesen Artikel hier auch als PDF runterladen, zum ausdrucken:)
unkomm-Strategiepapier (PDF, 316 KB)
*Vorausgesetzt, dass Microsoft kein Copyright für die Kringerl beansprucht:-P
Edit (1): Für stärkere Zentralisierung plädiert dagegen der Konzertveranstalter Marek Lieberberg und will alles nach Frankfurt um die Musikmesse vereinen. Für ihn war das Aus der Popkomm “vorprogrammiert”.
Edit (2): Offensichtlich wird Gornys Behauptung generell wenig Glauben geschenkt, wie folgende Umfrage zum Artikel auf tagesschau.de zeigt (gefunden via Fefes Blog, danke Martin Leyrer für den Hinweis.




Verfasst von digiom 
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