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(TV)-Journalismus versus Podcasts

13. Februar 2012

Der abwägende Vergleich von TV-Journalismus und Podcasts erscheint alles andere als zwingend, vergleicht man doch bewegtes Bild mit Ton, und der Anlass ist auch völlig kontingent, d.h. von nichts anderem ableitbar als meiner persönlichen Erfahrung: von einem Gespräch mit Peter Purgathofer im Rahmen seins neuen Podcasts zu den Themen Anonymous und Benutzerfreundlichkeit einerseits und einem zweiten Gespräch mit einem ORF-TV-Redakteur zur Frage “Facebook – Segen oder Fluch?” andererseits.

Der TV-Beitrag wird heute (13.2.) ab 21:10 im Rahmen von Thema laufen. Das Gespräch mit Peter Purgathofer geht am 16.2. in die Podcast-Verteilung . Ersteres will ich am liebsten gar nicht einschalten, das zweite hat jetzt schon einen Nachhall in meiner Forschung hinterlassen.

Warum? Darum:

(TV-)Journalismus oder: die Jagd nach den zitierbaren Brocken
Disclaimer: Der Auftrag, in Interviews ‘gutes Material’ zu produzieren, ist sicherlich allen JournalistInnen gegeben, die Interviews führen. Im Print-Journalismus darf man die Worte des Interviewten immerhin noch nicht-sinnentstellend verbessern – man zitiert nicht wortwörtlich, was der oder die Interviewte gesagt hat, sondern was er oder sie gerne hätte sagen wollen (so meine naive Annahme aufgrund eines NEWS-Lehrredaktionsbesuchs vor einigen Jahren, bei der der Lehrredaktionsleiter dies ebenso zusammenfasste).

Sitzt man als Interviewte aber vor dem hingehaltenen oder auf einen gerichteten Aufnahmegerät, dann muss man ‘camera-ready’ Textbrocken produzieren – mitunter erkennt man dann unmittelbar am Gesicht der JournalistInnen, ob sie meinen, jetzt etwas Knackiges, Brauchbares ‘eingefangen’ zu haben, oder ob sie noch weiter fischen müssen.

Ich nehme an, in den allfälligen Redakteurshandbüchern steht, dass man polarisierende Fragen stellen soll, damit man Antworten bekommt, ‘die was hergeben’. Ist Facebook ein Segen oder ein Fluch? Ist das, was die User da machen, soziale Prostitution? Narzissmus? Natürlich kann man irgendwelche Personen auf der Straße fragen, ob sie Social Networks für einen Segen oder Fluch halten und damit irgendwelche Positionen produzieren, die dann im Fernsehen irgendeinen Gesamteindruck von gemäßigt bis extrem hergeben. Dann hat man dem Volk aufs Maul geschaut, aber keine Erkenntnisse die Sache betreffend produziert. Nicht klar ist, was damit gewonnen sein soll, wenn man WissenschafterInnen in dieser Weise befragt, denn wissenschaftlich kommt man mit einer solchen populären Herangehensweise nicht weiter.

(Note to self: Statt den Regeln der Höflichkeit entsprechend zu versuchen, dennoch eine Antwort zu geben, die logischerweise auch nicht viel mehr Sinnhaftigkeit produzieren kann, solche Fragen einfach kurz begründet ablehnen und um das Stellen einer der Sache angemessenen Frage bitten).

Podcasts oder: Dialogische Problemerkundung
Mit dem großen Manko an kommerziell verwertbare Sendezeit gebundenen Medien haben Podcasts nicht (so sehr) zu kämpfen: Zeitmangel. Damit fällt auch der Druck, das Produzierte so schnell als möglich auf die Kernaussagen hinunterzubrechen. Während im TV durch Interviewtechnik bereits darauf hingedrängt wird, dass alles wie eine Aussage klingt, wird andererseits in der fertigen TV-Produktion gerade die Frage und die damit vorgenommene Perspektivierung wieder weggelassen. Was phänomenal als ‘authentisch’ erscheinen mag (‘das Bild sprechen lassen’), ist genau genommen ein kleiner Betrug (was mich daran erinnert, dass ich eine Aussage aus meinem allerersten TV-Interview, bei dem um Semantic Web ging, auf einmal in einem Beitrag zu Online-Dating wiederfand).

In Podcasts bleiben Fragen wie Antworten erhalten, im Idealfall ungeschnitten, und überhaupt darf sich der Austausch zu einem Gespräch entwickeln. Denn dem Thema angemessene Fragen sind ja nicht bereits vorab gegeben, sondern entstehen gerade aus der Untersuchung heraus.

Als Beispiel eines erfreulichen ‘alternativen Journalismus’, der versucht, TV und Internet zu vereinen und so dem künstlichen Druck der verwertbaren Zeit zu entgehen, ist hier die Supertaalk-Reihe zu nennen, bei der man die Diskussionszeit gar nicht erst an Sendezeit bindet. Man diskutiert vielmehr, solang Diskussionbedarf bedsteht.

Eine weitere Innovation, die man sich wünschen darf, wäre das weitgehend redaktionslose Fernsehen, das man – um es nicht völlig definitionslos zu lassen – z.B. grundlegend über das Format eines Gesprächs definieren könnte: Zu diesem Gespräch lässt man Leute zusammenkommen, die sich etwas zu sagen und zu fragen haben und man verzichtet auf Moderation und redaktionelle Eingriffe während des Gesprächs (und vermutlich gibt es so etwas schon – wer kennt Beispiele?)

Für Podcasts ist dieses Prinzip (“Leute, die sich etwas zu sagen/fragen haben”) natürlich ideal – die nicht selbsterklärende Themenmischung “Anonymous und Benuztzerfreundlichkeit” kam etwa so zustande, dass ich den Anlass des Podcasts gern nutzen wollte, um meinerseits Peter Purgathofer Fragen zu stellen, da Usability-bezogene Fragen gerade in unserem Forschungsprojekt “The Optical and Haptical in Media” auftauchen (ausgehend von Richard Sennetts Provokation, dass Benutzerfreundlichkeit eine Chiffre von Macht und ein System der Abstumpfung sei, wollte ich gerne Peters Perspektive einholen – wer mehr dazu wissen will, lausche dem Podcast).

Dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht auch der ganz herkömmliche TV-Journalismus von einer dialogischen Herangehensweise profitieren würde. Beispiel: Im TV-Interview am Freitag wurde ich also zu den ausgewählten, vorab für kritisch befundenen Punkten befragt – erst hinterher, als das Kamerateam schon auf dem Weg nach draußen war, erfuhr ich, dass u.a. ein Paar, das auf Facebook zusammengekommen ist, eine Physiotherapeutin, die Farmville-Spiele spielt und eine Pensionistin, die alte Kontakte wiederaufnehmen konnte, ebenfalls zu Wort kommen würden.

Dazu hätten sich dialogisch allerhand Fragen entwickeln lassen, etwa zu den unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Selbstpräsentation im Vergleich von Online-Dating und Social Networks etwa (kurz: erstere begünstigen in stärkerem Maße Formen der der Selbstnarrativisieurung und -Optimierung, während letztere u.a. durch die Möglichkeit der Beobachtung durch andere eher Authentizität bzw. adäquate Einschätzung von Authentizität ermöglichen). Dazu war es dann allerdings zu spät.

Schlussworte: Sicherlich ist das Credo ‘Mehr Zeit! Mehr Dialog”‘ nicht die Antwort auf alles, und Kürze und Prägnanz werden genauso wenig abgeschafft wie unser Bedarf an Komplexitätsreduktion. Und sicherlich ist diese meine Interviewerfahrung auch ein Wink, dass ein Medientraining für WissenschafterInnen keine schlechte Sache wäre. Dass aber der offizielle Journalismus einer Nischenproduktion per se überlegen wäre, dass lässt sich aus den diskutierten Techniken der Aufbereitung kaum ableiten.

Update: Hier kann man das den Thema-Beitrag nachschauen – es ist präzise die Narzissmus-Sequenz drin und dass es doch kein User-Bashing geworden ist, schreibe ich Praktikantin zu, die am Schluss nochmal die richtigen Fragen gestellt hat:)

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2 Kommentare leave one →
  1. 25. Februar 2012 3:06 nachmittags

    Der Vergleich hinkt allerdings gerade insofern, als die beiden Formate, die du vergleichst, völlig unterschiedliche Absichten verfolgen. Es gibt ja auch im Fernsehen Formate, bei denen versucht wird, ein Dialog zu simulieren zu erzeugen.
    Prinzipiell stimme ich dir zu, das ist auch genau die Erfahrung, die ich beim Podcasten mache, dass es einen Bedarf an Ausführlichkeit gibt und sich – wie du es nennst – “dialogische Problmerkundung” dazu besonders gut eignet. Das hat ja auch nicht umsonst eine lange (universitäre) Tradition. Und wird für universitäre Öffentlichkeitsarbeit immer wichtiger.
    Den Podcast fand ich spannend zu hören (leider gibt es bei dem Beitrag keine Möglichkeit zu kommentieren, oder die Kommentarfunktion des Blogs ist so gut versteckt, dass ichs übersehen habe), was mir besonders aufgefallen ist, dass ihr Verhaltensmustererkennung gänzlich dystopisch diskutiert – was ja gerade von einem Informatiker nicht unbedingt zu erwarten ist. Aber da bei mir im Projekt ein Wissenschaftsforscher genau ein paar der von Purgathofer angesprochenen TU-Projekte zur Verhaltensmustererkennung begleitet hat, würde ich schon ergänzen, dass so eine Technik nicht nur limitierende sondern auch ermächtigende Funktionen und Effekte hat (zum Beispiel gibt es ein Projekt zur “Fall-Detection”, was helfen kann, Menschen, die stürzen schneller zu entdecken).

  2. 25. Februar 2012 8:17 nachmittags

    Ja, der Vergleich hinkt – das Vergleichen aufeinanderfolgender Erfahrungen ist eben an nichts als mir selbst festzumachen. Das Leben hinkt! Meins in jedem Fall.

    Als ich Peters Ausführungen zuhörte, war ich auch noch darauf vorbereitet, dass er diese macht um zu einem positiven Schluss zu kommen (ich meine mich zu erinnern, dass ich da nochmals nachhake mit “wie geht’s dir damit?” oder so, um eine Einordnung zu bekommen). Die dystopische Seite erscheint mir aber in der Tat spannender, wie mich Argumente für Datensparsamkeir derzeit mehr interessieren als das Gegenteil. Utopien, was man mit Daten alles machen kann, je mehr, je besser, treiben Forschungen (und Förderwilligkeit an), wie in allen solchen Fällen (vgl. Netzsperren) gilt es aber immer mitzubedenken, wofür solche Infrastrukturen noch zu nutzen sind. Im Zweifelsfall gegen die Infrastruktur, denn die Gewährleistung, dass sie nicht missbraucht wird, ist m.E. nicht leistbar.

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