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Frischer Wind für die Barcampszene: das SciBarCamp Vienna

30. Oktober 2011

SciBarCamp ViennaAm 29. und 30. Oktober fand das erste Science BarCamp Wien statt – auf jeden Fall das erste in Österreich, womöglich auch das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum. Erst zwei Tage vorher hatte ich Wind davon mitbekommen und zum Glück ging es sich für mich aus, vorbeizuschauen. Es war nicht nur gut, nach einer gut einjährigen Familienpause mal wieder auf ein BarCamp zu gehen. Vor allem hat sich das Format Wissenschaftsbarcamp als höchst geeignet erwiesen, das eigentliche Anliegen eines BarCamps in den Fokus zu rücken: den Austauch von Wissen auf Augenhöhe.

Fünfeinhalb Sessions konnte ich mir geben (bzw. konnte ich reinspinzen, da ich am Vormittag noch mit Kind unterwegs war): Vladimir Mironovs Darlegung der Prinzipien von Organ Printing (Mironov ist derzeit Gastprofessor an der TU Wien), einen kleinen Teil der Science Journalism-Session mit Klaus Bichler, Ernst Boneks Vortrag zu “Electrophobia as a Health Risk” (hier sind die Slides aufs deutsch), den Arts & Science-Beitrag der Künstlerin Nicole Prutsch, lernte Nuklearreaktoren vom Typ Fukushima verstehen dank Regine Zawodsky sowie Daniel Imrichs “Cultural Learnings of TEDx for making glorious presentations” folgen.

Die Heterogenität der Beiträge macht von selbst klar, dass das SciBarCamp kein Treffen von Koryphäen war, die sich untereinander Spezialfragen ihres Fachgebietes widmeten – vielmehr war es ein Bauchladen an Themen, so breit gestreut wie die Interessen der TeilnehmerInnen selbst und in allen Fällen erstaunlich praxis- bzw. lebensweltbezogen. Man ging jedenfalls mit dem Gefühl, dass Wissenschaft eine wirklich aufregende und nützliche Sache ist – vielleicht wären solche BarCamps damit ein geeignetes Science-to-Public-Format, quasi eine Art Kinderuni für Erwachsene, jedoch abzüglich der Infantilisierungen im Vortragsstil und -niveau.

Inwieweit sich das BarCamp-Format auch für disziplineninterne Konferenzen eignet, steht noch einmal auf einem anderen Blatt; eine Kombination aus Konferenz und hierarchiereduziertem BarCamp wäre sicherlich auch spannend (und ich überlege bereits, ob wir das für die Abschlusskonferenz des Netzwerks “Medien der kollektiven Intelligenz” angehen sollten).

Was natürlich auch auffiel: Auf diesem Science BarCamp wurde Wissenschaft vor allem als Naturwissenschaft und Technik verstanden – die These von C.P. Snow (The Two Cultures, 1959), dass ‘sciences’ und ‘humanities’ sich so weit voneinander abgeschieden hätten, dass (Natur-)wissenschafterInnen nichts mehr mit dem vorgeblichen ‘Geistesleben’, und Intellektuelle nichts mehr mit Wissenschaft zu tun hätten, würde sich auf den ersten Blick bestätigen. Vielleicht ist das beim nächsten SciBarCamp aber schon anders – ich nehme mir jedenfalls schon mal fix vor, diese naturwissenschaftliche Bastion aufzubrechen.

Der gelebten BarCamp-Kultur in Österreich hat das SciBarCamp sicherlich sehr gut getan – für mich sind BarCamps gestern wieder spannend geworden, nachdem sie das zuletzt nicht immer mehr waren. Im Jänner 2008 ging ich ich auf mein erstes BarCamp, mit Meral und anderen organisierte ich im August desselben Jahres das (legendäre und bislang einmalige) BarCamp Traunsee; seitdem habe ich an verschiedenen größeren und kleineren BarCamps von Wien über Graz bis Klagenfurt teilgenommen (noch immer reizen würden mich das AlmCamp, das CastleCamp oder ein Kirche 2.0-Camp, z.B. Frankfurt oder demnächst am 12.11. in Linz – mal sehen, was sich ausgeht).

Dass meine ersten BarCamps auch die spannendsten waren, liegt natürlich auch an der Aufregung, die ein Experimemtieren mit einem für einen neuen Format mit sich bringt, welche sich nicht wiederbeleben lässt. Andererseits gibt es auch ein paar Faktoren, die BarCamps für einen uninteressanter machen können. Mitunter, gerade bei hoher BarCamp-Dichte, wiederholen sich die Themen; da immer wieder neue Personen in den Social Media Hype Cycle integriert werden, können die einen etwas total aufregend finden, bei dem die anderen schon mit den Augen rollen (eine Session zu PR 2.0 etwa). Da Social Media mittlerweile ein fixer Bestandtteil der Kommunikationsmaschinerie geworden ist, kann auch der Anteil der Marketing- und PR-orientierten Beiträge mitunter überhand nehmen, was nicht in jederfraus Interessengebiet fallen muss. Gemäß dem BarCamp-Gesetz der zwei Füße geht man eben, wenn einen eine Session nicht interessiert – wenn man dann eine interessante Alternative hat, umso besser.

Auch bei der Frage, was an Infrastruktur vorhanden sein muss, können sich die Geister scheiden. Natürlich ist es angenehn, Essen in mehreren Gängen und Menüvarianten, eine spannende Getränkeauswahl sowie T-Shirts und womöglich noch Goodies für jeden zu haben – wirklich notwendig ist es nicht bzw. lässt vielleicht vergessen, warum man denn überhaupt da ist: nicht um zu fressen und zu saufen, sondern um miteinander Wissen zu teilen.

Und dass die Begegnung auf Augenhöhe, für die BarCamps stehen, auch beim Essen nicht aufhören sollte, das wurde auf dem SciBarCamp auch gelebt: Statt Catering-Personal, das fremdes Essen aufträgt (wie man es auch auf BarCamps ab und zu erlebt hat), sorgte Alexander Wacker von Paolo’s persönlich für das leibliche Wohl; statt Schweinebraten auf Porzellan gab es köstliches Chili und Penne aus Papptöpfchen und die Mehlspeisen wurden viertelstündlich auf Twitter gelobt.

Danke an die HauptorganisatorInnen @fatmike182 und @gittischimek, sowie an Christoph Liebentritt für die Photos (zu finden auf der Facebook-Seite).

6 Kommentare leave one →
  1. 30. Oktober 2011 10:32 nachmittags

    Extrem großes Danke für den Blogpost an sich & vor allem für das große Lob (oder positiv ausfallende Kritik oder so)!

    Ich bin gespannt, wie sich SciBarCamps Richtung Geisteswissenschaften öffnen, also: ob es nur vereinzelt Sessions auf dem Gebiet geben wird, oder sich ein demographisch zustehender Schnitt einpendelt. Zu hoffen ist dann, dass das offene Barcamp-Teilnehmer_innenfeld auch Offenheit beweist indem man sich übliches GW-bashing erspart, bin da aber optimistisch.
    Zumindest war aber Philosophie in Form von Ethik oder Meta-Diskussionen über Wissenschaftsbetriebe an sich (wie zB @PeterKraker über Science2.0) am Start, sowie Nicole Prutsch mit ihrem Talk über Wissenschaft & Kunst.

    Von meiner Hälfte der Orga kurz zu Infrastruktur:
    die wenigsten Teilnehmer_innen waren zuvor schon auf einem Barcamps, also gabs zwei Auslegungsmöglichkeiten (überspitzt): haben eh keine Ahnung, also keine Ansprüche vs. sind von Konferenzen viel gewohnt. Forschung klingt ua nach Hightech, also Firmen & Geld; das hat uns die Ziele hoch stecken lassen. Dabei haben wir unterschätzt, wie schwer Firmen von neuen Konzepten zu überzeugen sind und auch bei kleinen Summen Aussicht auf Kunden bestehen muss. Hoffentlich ändert sich das dank der guten Resonanz (auch wenns floskelig klingt: Danke an die mutigen Sponsoren, die mMn aufs richtige Pferd gesetzt haben).

    Mir hats extrem großen Spaß gemacht, ein neues Publikum an die Unkonferenz heranzuführen & andererseits Unkonferenzler mit neuen Themen konfrontiert zu sehen. Vor allem aber extrem lässig gewesen, mit der @gittischimeck zu arbeiten.

  2. 30. Oktober 2011 10:52 nachmittags

    @fatmike182 ad “wie sich SciBarCamps Richtung Geisteswissenschaften öffnen” – das ist auch eine beidseitige Geschichte. So, wie BarCamps funktionieren, gibt es ja eh keine formalen Grenzen. Freilich müssen GeisteswissenschafterInnen mitbringen mitbekommen, dass so ein BarCamp stattfindet. Hoffe, es geht sich nächstes Jahr wieder aus.

  3. 31. Oktober 2011 11:39 vormittags

    Ich konnte ja leider nicht dabei sein – aber bestimmt beim nächsten Mal! Jana, die zwei Kulturen die du ansprichst, sind auch mir gegenwärtig. Schon seit meinem Studium. GW war für uns Biologen immer etwas exotisches. Hab mich dann mit PR-Ausbildung damit auseinandergesetzt und ich fand es am Schwierigsten mit wenig klar Definierten, oder eben individuell definierten Begrifflichkeiten umzugehen. Vielleicht ist so ein Barcamp auch ein Anreiz sich mit den Unterschiedlichkeiten auseinanderzusetzen, ohne den in Wien meist bestehenden Institutsanimositäten.

  4. 31. Oktober 2011 1:44 nachmittags

    Es fällt schon allgemein auf, dass die NW es viel besser verstehen, ihre Themen/Ergebnisse nach außen zu kommunizieren. Wenn ich in (Tages-)Zeitungen nach „Wissenschaft“ suche, finde ich fast nur NW /Life Sciences usw – OK, Geschichte und Philosophie werden im Feuilleton verhandelt. Aber ich finde das deshalb unverständlich, weil ja gerade Geistes- und Kulturwissenschaften gesellschaftspolitisch relevantes Wissen produzieren. Kann mir vorstellen, dass es schwierig wird GWs an den Start zu bringen.

  5. 31. Oktober 2011 2:33 nachmittags

    Die Naturwissenschaften ebenso wie die empirischen arbeitenden – was schon schlicht daran liegt, dass diese in einer ganz anderen Art und Weise Ergebnisse produzieren.

  6. 3. November 2011 10:04 nachmittags

    Danke für den schönen Blogpost!
    Die Naturwissenschaften plus Mathematik, Medizin und Informatik, stehen auch unter dem Druck, ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, unter anderem weil sie für ihre Forschung verhältnismäßig viele finanzielle Mittel benötigen. Sehr gut sieht man das beispielsweise bei der Astronomie mit den Outreach-Aktivitäten der großen und kleinen Organisationen.

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