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Medien/Wissenschaft im Web: Sonderausgabe Wikileaks

5. Dezember 2010

Aus aktuellem Anlasse: Heute eine reine Wikileaks-Ausgabe

Medien/Wissenschaft im Web: Wikileaks

Muss man derzeit noch erklären, was Wikileaks (vgl. Wikipedia-Eintrag) ist? Auf einem Blog, den entweder Menschen besuchen, die diesen schon kennen (und die im Fall von digiom wohl netzaffin sind) oder Menschen, die über eine passende Suchanfrage auf diesem gelandet sind, ist das wohl nicht notwendig. Das Grundprinzip von Wikileaks: Menschen können Dateien auf Wikileaks hochladen, damit diese später und nach Begutachtung durch das Team dort veröffentlicht werden, ohne selbst ihre Identität preisgeben zu müssen. 2009 wurde Wikileaks übrigens beim Prix Ars Electronica in der Kategorie Digital Communities mit “Distinction” ausgezeichnet – ein doch sehr respektabler Preis der Netzkultur, wovon man derzeit allerdings nicht viel hört.

Denn das erste was auffällt, an den Debatten zu Wikileaks:
Es gibt einen Druck auf die sich über Wikileaks Äußernden, sich auch zu Wikileaks zu verhalten. “Wie stehen Sie zu Wikileaks?” In den USA wird in dem Zusammenhang bereits suggeriert, dass eine positive Haltung zu Wikileaks – und als solche könnte angeblich sogar schon ein Link interpretiert werden – schlecht für die Karriere von Collegestudenten sein könnte. Die über Twitter verbreiteten Quellen, die es zu diesem Gerücht gibt, sind nicht über die Maßen bekannt: Einmal heißt es, ein Columbia Alumnus, der nun im US State Department arbeitet (Wisebread.com), würde Studierende warnen, in anderen Berichten soll es das State Department selbst (Arabist.net) oder aber Columbia University (Techwhack.com) sein, die zu Vorsicht rät.

Dieser kleine Ausschnitt der großen Diskussion macht bereits anschaulich, von wieviel Paranoia die Behandlung des Themas Wikileaks bereits getränkt ist, und wie schwierig es ist, durch diesen Nebel der Paranoia überhaupt die Lage zu beurteilen. Weitere Beispiele: Wer steckt hinter den Attacken auf Wikileaks – ein Geheimdienst? Irgendein Hacker auf der Suche nach einem Skalp für seinen Gürtel? Wie kam es zur Suspension der Domain durch EveryDNS - wer steckt dahinter? Und wenn ein Unternehmen Angst hat um seine Existenz wenn es in Verbindung mit Wikileaks gebracht wird – haben wir dann nicht alle zu fürchten? Dieses Spiel zieht sich durch alle folgenden Diskussionstufen – Amazon kündigt Wikileaks die Server, Paypal bearbeitet keine Spenden an Wikileaks mehr. Selbst wenn kein Geheimdienst und keine Staatsmacht hier seine Finger im Spiel hatte, so sind die Vorgänge genauso effektiv im Sinne einer breiten Einschüchterungskampagne: Wenn selbst Amazon in die Knie geht, wenn Paypal sich fürchtet, wenn auch die Domain in der Schweiz nicht gehalten werden konnte… dann muss doch auch ich mich entscheiden, klar entscheiden: Was macht mehr Angst, für oder gegen Wikileaks sein? Das Thema Wikileaks ist bereits mit sovielen Ängsten besetzt, dass schon das sich über Wikileaks Äußern einen derzeit zum/zur gefühlten Gejagten oder sich Widersetzenden (je nach Position) machen kann.

In diesem Geschwader an Nebelbomben, die geworfen werden, ohne dass man überhaupt sagen kann, wer sie wirft (die Politik? die Medien? Wikileaks? Alle, die Informationen weitergeben, also das ganze Social Web?), ist es umso schwieriger, überhaupt herauszubekommen, unter welchem Gesichtspunkt man sich Wikileaks annähern soll. Mögliche Gesichtspunkte:

  • Was darf die Politik den BürgerInnen vorenthalten? (So der Kernfrage des letzten Club 2 am ORF)
  • Brauchen Organisationen wie Wikileaks eine Kontrolle/Legitimierung und wer kontrolliert/legitimiert sie? (Eine Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, wobei man rückfragen muss: Ähm, einen Whistleblower legitimieren?
  • Was ist Wikileaks überhaupt: eine Technologie, ein soziales Phänomen, eine charismatische Erscheinung wie Julian Assange? Wie verhalten sich diese drei Ebenen zueinander?
  • Ausgehend von der Prominenz Assanges in der Berichterstattung: Ist es relevant, sich mit einem charismatischen Individuum wie Assange überhaupt auseinanderzusetzen?
  • Wie gefährlich, wenn gefährlich, ist Wikileaks? Warum lösen Enthüllungen über Kriegsgräuel weniger Aufruhr aus als Enthüllungen über Berichterstattung im diplomatischen Dienst?
  • Um wessen Interessen geht es: die einer (welcher?) Öffentlichkeit? Die der Politik? Die der Personen, über die in den Dokumenten berichtet wird?
  • Wie verhält sich Wikileaks zum Journalismus? Haben wir es mit einer Alternative zu tun, die den Job von Journalisten macht? Oder würde Wikileaks ohne die Kollaboration mit JournalistInnen (Spiegel, Guardian, NYT) gar nicht funktionieren?
  • Lässt sich das Phänomen Wikileaks in Zusammenhang bringen mit Fragen nach demokratischen Prozessen? Wenn ja: Wie?
  • Was sind die netzpolitischen Lektionen der aktuellen Geschehnisse – welche Kräfte sehen wir hier Einfluss nehmen? Politische? Ökonomische? Technik? Wie wird es, wie soll es weitergehen, aus welcher Perspektive?
  • Und vor allem: Was heißt Transparenz in diesem Zusammenhang?

Eine Prüfung von bereits vorhandener Literatur zum Thema Wikileaks fällt trotz der bereits vierjährigen Geschichte der Plattform (d.h. ebenso alt wie Twitter, wozu bereits reichlich publiziert wurde) derzeit noch etwas dünn aus. Bei Google Scholar sind z.B. derzeit vor allem geleakte Dokumente, die auf Uni-Servern abgelegt wurden, zu finden. Ein Paper analysiert die geographischen Angaben der Afghanistan-Dokumente (Peering into the Fog of War: The Geography of the WikiLeaks Afghanistan War Logs, 2004–2009), verschiedene kleinere, z.T. Online-Artikel diskutieren v.a. das Verhältnis von Journalismus und Wikileaks (z.B. – bereits von 2008 – Will Wikileaks Revolutionize Journalism?). Wie schon im Fall der Blogosphärendebatte werden vor allem tradierte Publikationsmodelle auch an Wikileaks herangetragen. Meine Vermutung ist, dass es sich aber um etwas ganz anderes handelt – und dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit schwierig werden wird, aus drei Gründen:

Erstens: Das Phänomen Wikileaks ist in einer Weise disziplinenübergreifend, dass schwer zusagen ist, wer zuständig ist oder welches Instrumentarium überhaupt für den Umgang geeignet sein könnte.

Zweitens: Erst, wenn Wikileaks eine Veröffentlichung vornimmt, kann überhaupt etwas untersucht werden. Es können keine AktivistInnen interviewt, keine Motive studiert werden. Wikileaks ist eine Blackbox, auch noch in einer weiteren Hinsicht: Denn es reicht nicht aus , dass Wikileaks Dokumente veröffentlicht – diese müssen analysiert und interpretiert werden. Als eigentliches Studienobjekt zeichnet sich damit nicht Wikileaks (als Plattform) ab, sondern das, was im Verlauf Politik, Medien und BürgerInnen/engagierte Individuen daraus machen.

Drittens: Aufgrund einer aktuellen Situation der Paranoisierung werden auch WissenschafterInnen automatisch in die Rolle der parteiischen Kommentierenden gedrängt. Entweder sie bleiben banal – banal erschienen zumindest mir die meisten Kommentare von MedienexpertInnen zu Wikileaks (entweder es ging um die bloße Funktionsweise, eine Wiedergabe des Ablaufes der Ereignisse oder die übliche Erklärung, dass Medien die Gesellschaft verändern) oder sie müssen sich pro oder contra Wikileaks verhalten bzw. ihr Kommentar wird als pro oder contra wahrgenommen. Jedenfalls noch zu diesem Zeitpunkt.

Eine der Kernfragen, die meiner Meinung nach dringend beantwortet werden muss, bevor irgend etwas über das Phänomen Wikileaks gesagt werden: Was meinen wir, wenn wir Transparenz sagen? Der Begriff wurde in den letzten Tagen zu Tode bemüht. Die Kurzformel “Transparenz ermöglicht Nachvollziehbarkeit” bringt uns hier jedoch nicht weiter, aus dem erwähnten Grund, dass die bloße Veröffentlichung noch nicht Nachvollziehbarkeit, und damit auch nicht Transparenz ermöglicht.

Also: Wer hat einen Vorschlag?



Kommentar: Jeff Jarvis – Mit Transparenz gegen Enthüllungen

Jeff Jarvis ist Professor für Journalismus (sein Baby: Entrepreneurial Journalism) an der CUNY – auf seinem Blog auf Englisch sowie in der Welt auf Deutsch ist sein jüngster Kommentar erschienen. Wie oben beschrieben: Auch Jarvis bezieht Position und zwar pro Transparenz, d.h, plädiert dafür, der Arbeit von Whistleblowern zuvorzukommen, indem man nichts verschweigt, das nicht verschwiegen gehört.
Natürlich ist ein Kommentar keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Intervention – auch in der deutschen Street View Diskussion hat sich Jarvis bereits eingemischt. Wikileaks bringt er auf die von Dave Morgan geliehene Kurzformel “The Internet democratizes leaking” – m.E. problematisch aufgrund der populären “Demokratisch ist, wenn alle dürfen”-Definition. Erstens dürfen nicht alle enthüllen, sondern Wikileaks darf auswählen aus dem, was Menschen zur Enthüllung vorlegen – ich habe selbst in einem Fall ein Zeitdokument hochgeladen, das Wikileaks nicht wichtig genug fand, um es zu veröffentlichen (oder habe ich nur die Veröffentlichung nicht gefunden?). Zweitens argumentiert Jarvis nicht gegen Geheimhaltung, sondern eben nur gegen Geheimhaltung von Dingen, die in die Öffentlichkeit gehören – und dass da die Maßstäbe verschiedene sind, eben das ist ja die Crux. Der Begriff “privacy mania” hilft dann auch nicht weiter – denn was privacy ist, lässt sich nicht, niemals über einen Kamm scheren, sondern gestaltet sich von Fall zu Fall anders – von einer Manie zu sprechen ist eine Abwertung , z.B. des Gebrauchs des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung.



Analyse: Am Ende der Wurst

Der spannendste Beitrag, den ich bisher zu Wikileaks bisher gelesen habe – u.a. weil er es schafft, eben nicht pro oder contra sein zu müssen – kommt aus der Blogosphäre und zwar von Markus Spath a.k.a hackr.de (warum ist der mir bisher entgangen?). Spath zieht die Situation zunächt systemanalytisch auf, indem er fragt, was wir über das Web wissen müssen, um das daraus Folgende (u.a. Wikileaks) zu verstehen:

Wenn man die Bedeutung vom Web wirklich verstehen will, muss man eigentlich nur einen Gedanken im Hinterkopf behalten:

Das Web ist ein System, das es anderen Systemen ermöglicht, füreinander Umwelt zu sein.

Man kann den systemtheoretisch motivierten Ansatz jetzt hilfreich oder nicht finden – während meines Studiums habe ich Systemtheorie immer als ‘Jungswissenschaft’ bezeichnet, weil sie konkret in meinem Umfeld von mehr Studenten als Studentinnen betrieben wurde. Das systematische Zerlegen eines Feldes in binäre Oppositionen und das Aufdröseln von Subsystemen schien diese besonders anzuziehen (und wie genderspezifisch das wirklich ist, sei jetzt mal dahin gestellt). Wie immer bei Systemtheorie bin ich mir auch hier nicht sicher, inwieweit solches Zerlegen der Wirklichkeit gerecht wird – der analytische Nutzen ist unleugbar, aber mit dem Dreckigen und Hybriden kommt sie nicht gut zurecht. Spath zerlegt Beziehungen nun in solche von Menschen zu Menschen, Menschen zu Maschinen und Maschinen und Maschinen – im Einzelfall, z.B. dem Bloggen, kann man diese Beziehungen nicht wirklich punktuell auseinanderhalten. Hilfreich ist aber, dass er so zu einer interessanten Bewertung der Radikalität von Wikileaks kommt:

WikiLeaks macht was Interessantes: Es macht System-Interna öffentlich und stellt sie als Umwelt zur Verfügung. WikiLeaks durchbricht die grundsätzliche Grenze, dass sich Systeme nur über eine – mehr oder weniger kontrolliert definierte – Oberfläche oder Haut und auf – mehr oder weniger – kontrollierte Weise zur Verfügung stellen.

Die Überschreitung von WikiLeaks besteht nicht im Aufdecken von Informationen. [...] Die Überschreitung besteht im Veröffentlichen eines unvermittelten Blicks auf die systeminternen Beschreibungen und Mechanismen, die Innereien, auf das obszöne Genießen einer Institution selbst.

Selbst lesen: hackr.de – Am Ende der Wurst



Suchmaschine: Cablesearch

Cablesearch.org stellt einen Suchindex für die jüngst veröffentlichten Dokumente zur Verfügung. Beim letzten Besuch waren 855 veröffentlicht – mehr waren daher auch noch nicht indiziert.



Interview: Julian Assange – Q & A im Guardian

Welch Coup für einen Tech-Blog bzw. eine Tech-Kolumne! Inmitten der Wirren beantwortete Julian Assange am 3. November UserInnen-Fragen auf einem Blog des Guardian.



Aktivismus: Wikileaks hat einen “Twibbon”

Während der 2009er Wahlen im Iran wurden die Twitter-Avatare grün – damit etablierte sich die Praxis des “Twibbon” anlegens, d.h. des Auszeichnens des eigenen Twitter-Avatars mit einem Logo oder einer Farbe, um auch für ein bestimmtes Thema Farbe zu bekennen. Wikileaks wird nun auch verstanden als ein solches Thema: Hier geht’s zum Twibbon.



Soziale Netzwerke: Die Wikileaks-Facebook-Page

Aus einer ähnlichen Kategorie: Während ich dies schreibe, wurde Wikileaks bereits 686 181 Mal geliket. Auf Facebook – hier geht’s zur Seite. (Wir schauen mal: Würde Facebook diese Seite löschen? Dann brennt das Netz:) (Just kidding)



Tech-Aktivimus: Spiegelseiten

Eine andere, ältere Form des Cyberaktivismus (der deswegen auch so heißen darf): Spiegelseiten (Mirrorpages) anlegen, um den gleichen Inhalt an vielen Stellen verfügbar zu machen. Zum Beispiel hier (ich gehe davon aus, dass das eine offizielle Seite ist – ich weiß es nicht. Adressiert werden muss sie über IP-Adresse: http://46.59.1.2/mass-mirror.html) Und Spenden kann man auch immer noch, PayPal hin oder her: http://46.59.1.2/support.html


Im übrigen – um auch mal etwas Position zu beziehen – bin ich der Ansicht, dass Assange ebenfalls ein Diskurstroll ist. Das fällt nur nicht weiter auf, wenn man auf der gleichen Seite wie er auf der von ihm geschaffenen Polarisierung steht.

Weiterhin: Für Hinweise zum akademischen Umgang mit dem Thema bin ich dankbar!

Und um eine dem Namen nach verwandte, m.E. aber doch anders gelagerte Debatte geht es am Dienstag um Raum D, beim Themenabend Öffentliche Wissenschaft? Demokratische Wissenschaft? zu dem hiermit nochmal herzlich eingeladen wird.

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3 Kommentare leave one →
  1. peter permalink
    5. Dezember 2010 8:16 nachmittags

    warum nicht julian assanges überlegungen zu diesem thema lesen? er hat sich da eh schon, durchaus substantiell, einiges überlegt, und ich rate dazu, sowohl den originaltext (ist im artikel verlinkt) als auch die analyse zu lesen:

    http://zunguzungu.wordpress.com/2010/11/29/julian-assange-and-the-computer-conspiracy-“to-destroy-this-invisible-government”/

  2. 5. Dezember 2010 8:32 nachmittags

    @peter danke sehr, hab’s soeben runtergeladen!

    http://cryptome.org/0002/ja-conspiracies.pdf

    das wirft dann auch gleich nochmal die frage auf, ob und wie sich die analysen des ‘erfinders’ zu dem verhalten, was passiert (und es passiert ja eine menge gerade).

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