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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 42/2010)

24. Oktober 2010

Heute mit einer Freebook-Empfehlung und weiteren Links zum Thema Telekommunismus, noch einer Facebook-Studie (oder zumindest der Kolportage davon), ICT und Partizipation älterer MitbürgerInnen, einer kurzen Diskussion eines Artikels über Viralität und den Standards, Snippet und Bild der Woche.
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Free PDF: Dmytri Kleiner – The Telekommunist Manifesto

Jetzt verfügbar als Download auf den Seiten des Amsterdamer Institute for Network Cultures:

The Telekommunist Manifesto, by Dmytri Kleiner. The book is composed of texts that have been extended and reworked by Dmytri Kleiner, from texts by Joanne Richardson, Brian Wyrick and Dmytri Kleiner, 2004–2008.

Das Manifest ist das dritte in der Network Notebooks Series des Instituts, neben
Rob van Kranenburgs The Internet of Things (bei dem es um RFID, nicht – wie man anhand des Titels auch erwarten könnte – um RDF geht) und Rosalind Gills Technobohemians or the new Cybertariat.
Dmytri Kleiner sprach auch auf den Wiener Paraflows, seinen sehr anregenden Vortrag zu “P2P communism vs the client-server state” kann man als MP3 von dieser Seite herunterladen und nachhören. Den marxistisch Versierteren (oder daran Interessierten) sei zur Einordnung auch folgender Artikel bei Keimform empfohlen: Copyfarleft – eine Kritik.

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Facebook-Studie: Entfreundschaften

Der akademische Aufwand, der in die Erforschung der Social Network-Plattform Facebook geht, ist enorm. Sicherlich ist das notwendig, sicherlich ist es in der gegebenen Situation auch besser, wenn solche Forschung nicht aus eigenen Unternehmensforschungsinstituten kommt – zumindest fühle ich mich selbst (bei eigenen Untersuchungen als auch bei der Rezeption von der von anderen) zu dem Disclaimer verpflichtet: “Und auch die Wissenschaft rennt Facebook hinterher. Hach!”. Mit den wöchentlich veröffentlichten Facebook-Studien selbst könnte man mutmaßlich Newsletter füllen.
Ausgewählte Facebook-Studie dieser Woche: Entfreunden, ein Konzept, das ja selbst in dieser Form erst von Facebook et al. geschaffen wurde. Wie es auch in der Berichterstattung zu dieser Studie, die bis jetzt selbst noch nicht veröffentlicht wurde, heißt:

“One of the interesting things about unfriending is that most real-world friendships either blow up or fade away,” said Christopher Sibona, who wrote the study with his adviser, Steven Walczak, an associate professor of information systems management. “But on Facebook, users actively make the decision to unfriend, and people often don’t know why or what’s happened in the relationship.”

Die Gründe für Unfriending in aller Kürze (siehe Pressemeldung der Business School der University of Denver Colorado, wo Sibona forscht):

zu häufige, uninteressante Updates (so schwierig die Kategorie ‘uninteressant’ zu spezifizieren ist) sowie Updates über die “polarisierenden Themen” Religion und Politik.

Die Pressemeldung bzw. Sibona gehen leider nicht näher darauf ein, aber die Vermutung liegt nahe, dass damit Themen, die besonders relevant für die persönliche Definition und Abgrenzung des eigenen Weltbilds von dem von anderen sind, ‘riskant’ sein können bzw. zur Konsolidierung von politischen Lagen beitragen, die in Social Networks statt zu finden scheint (wer von euch Grüne-WählerInnen ist etwa mit Fans von HC Strache befreundet bzw. erträgt deren Postings bereitwillig?). Eben auf den m.E. spannendesten Aspekt gibt die Studie bzw. was bislang über sie bekannt ist keine Antwort: Reicht es, dass jemand über Politik und Religion schreibt, damit er entfreundet wird, oder ist das vor allem der Fall, wenn die wiedergegebene Position nicht der eignen entspricht?

Weiterhin: Die Mehrheit der Entfreundungsanlässe bezieht sich auf Online-Verhalten (57%), 26,9% beziehen sich auf Offline-Verhalten. Nur zwei von über 1000 Respondenten hatten ihre Eltern entfreundet (laut einer in diesem Sommer zirkulierenden angeblichen AOL-Studie, die ich selbst nicht im Original finden konnte, würden ein Drittel dies gerne tun).

Beworben wurde die Studie übrigens über das Twitter-Account @unfriendstudy – Christopher Sibona lud gezielt Personen ein, die von ‘unfriending’ sprachen und erreicht damit eine Rücklaufquote von nicht ganz 25% (4961 Tweet-Anfragen verschickt, 1137 ausgefüllte Surveys erhalten). Vermutlich bis jetzt, denn der Survey läuft noch immer bei Surveymonkey und offiziell wird die Studie erst im Jänner bei der 44. Hawaii International Conference on System Sciences (HICSS) vorgestellt.

Ansonsten gibt der New York Times-Artikel, über den ich auf die Studie gestoßen bin, mal wieder Anlass, sich über Recherche- und Referenzierpraktiken von Journalisten zu echauffieren: Statt der Pressemeldung der Universität ist ein PDF einer Schweizer Agentur verlinkt (welche keck das verlinkte Dokument ausgetauscht haben und statt Infos über die Studie ihren eigenen Blog und ihre eigenen Marktforscher promoten), statt der Umfrage auf Surveymonkey oder dem Twitter-Account, über das diese verbreitet wird, hat man lediglich zur eigenen Twitter-Infoseite auf NYT verlinkt. Not very useful, dear journos.

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Projekt: ICT for Inclusive Aging

Wer wäre nicht gespannt darauf, wie sich die gesellschaftliche Partizipation älterer MitbürgerInnen einmal gestalten wird, wenn die Facebook-Generation erst einmal in die SeniorInnen-Residenzen einzieht? Aktiv mit der Erforschung und Gestaltung möglicher Szenarien befassen sich drei Forschungsprojekte unter der Dachperspektive “ICT for Inclusive Aging” an der Universität Siegen:

  • AMi befasst sich mit dem Potenzial von GPS-Technologie im Alzheimer Monitoring (konkret: “jederzeitige Ortung von Demenzkranken”)
  • Social Display entwickelt einen großformatigen Bildschirm zur “Ermöglichung neuer Kommunikations-, Interaktions- und Unterhaltungsräume für Menschen mit nachlassender Mobilität und sinkenden Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen”.
  • Das Ziel von FoSIBLE “(Fostering Social Interaction for the Well-Being of the Elderly”) richtet sich “auf die Förderung sozialer Interaktionen von älteren Menschen mittels neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.” FoSIBLE ist übrigens ein D-FR-AT-Projekt, die österreichischen Projektpartner sind CURE – Center of Usability Research and Engineering und AIT Austrian Institute of Technology

Ich empfehle, die Inclusive Aging-Seiten und Subseiten selbst einmal zu durchsuchen – im weiteren stößt man dabei z.B. auch auf Projekte wie Socialmedia NRW, mit Kölner Wirtschaftspartnern wie der Nunet GmbH, RTL Interactive und Pixelpark (wer dachte außer mir beim Lesen gerade ‘Oh, Pixelpark, ein Web 1.0 Darling, das überlebt hat!’?).
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Artikel: A History of Virulence: The Body and Computer Culture in the 1980s

Ein Artikel, auf den ich über die AoIR-Mailingliste gestoßen bin und der zwei Stränge zusammenführt, einerseits den Diskurs über Computerviren und andererseits den über HIV/AIDS: Antonio A. Casilli, A History of Virulence: The Body and Computer Culture in the 1980s. Erscheinen wird der Artikel in der Dezember-Ausgabe von Body & Society, A.A. Casilli hat eine etwas gekürzte Fassung in zwei Teilen auf seiner blogähnlichen Website bodyspacesociety.eu zugänglich gemacht. Ein kurzer Auszug:

Whether organic or electronic, these two types of communication both become inscribed in a biomedical frame of virulence. After 1988, the general public started perceiving HIV/AIDS not as a problem confined to certain minorities (homosexuals, Haitian immigrants, intravenous drugs users, etc.). HIV/AIDS could strike ‘anybody anytime’. [...]

This point is made all the more vivid in one of the most striking media stories of the late 1980s: the AIDS diskette saga. On 7 December 1989, 26,000 computer diskettes containing an ‘interactive program for health education on the disease called AIDS’ were sent throughout Europe and Africa from an obscure London-based company. While users were to answer an electronic questionnaire that assessed risk-taking behaviours and suggested strategies for coping, the diskette installed another piece of software – a trojan horse that would lock the hard disk and display a message asking payment for an annual license subscription of US $189.

Im weiteren argumentiert Casalli, dass der Diskurs der Viralität von ‘der Computerkultur’ sich angeeignet worden wäre als ein Diskurs der Viszeralität (m.E. heißt das ‘Intution, Instinktivität’, allerdings sehe ich den Begriff fast nie in dieser Weise angewandt), womit der Prozess gemeint ist “how computer culture adopted the stigma of being a ‘virus’ and [turned] it into an asset”. Wie diese Aneignung passierte, zeichnet Casilli u.a. anhand des visuellen Diskurses in PC-Magazinen der Zeit nach, z.B. dem folgenden, das einen Zusammenhang von Aktivitäten im ‘Intimraum’ der Wohnung, sportliche Aktivität und PC-Nutzung zusammenführt. Casilli dazu weiter:

In this context, the emphasis placed on the private dimension of the technological experience exorcizes the perils associated with public spaces: computers are ‘safe as houses’. Yet, underneath this positive imaginary, something else takes shape. Computers are getting closer to the body, touching it. A hand strokes the mouse, a face approaches the screen, a chest leans over the keyboard. New, ‘portable’ micro-computers virtually begin to stick to the body, to the trunk, to press against the entrails.

Außerdem nimmt sich Casilli Bilder aus der Datenschleuder, der CCC-Zeitschrift vor und kommt hier sogar zu dem Ergebnis:

In the hacker imagery, people are presented as eating, fondling and making love to technological artefacts. The close relationship between technology and the human body would soon foreshadow notions of contamination, pain and agony.

Alles in allem entsteht durch die argumentative Gegenüberstellung von einerseits Viren, andererseits Privatnutzung der Eindruck, als hebe das eine das andere auf, bezöge sich aber zumindest notwendigerweise aufeinander – möglicherweise ist dieser Eindruck von Casilli gar nicht beabsichtigt. Ich neige eher dazu, die Verhandlungen als parallel laufend zu betrachten, als sowohl unabhängig voneinander als auch auf unterschiedlich Bereiche sich beziehend. Im einen Fall wird eine gesellschaftliche Gefahr konstruiert, im anderen wird Computernutzung im Rahmen von kommerziellen Kampagnen und subkulturellen Erkundungen attraktiv gemacht bzw. emphatisch paraphrasiert. Deswegen muss das interpretatorische Netz rund um diese Diskurse m.E. aber noch lange nicht so hermeneutisch eng geführt werden, wie Casilli dies schließlich in der Interpretation eines Datenschleuder-Covers tut:

The virus inside the skull turns the brain into seepage. Information becomes a disease circulating in the body, which is obviously evocative of the liquid elements of the AIDS/HIV narratives – semen, blood, etc.

Je nun: Am besten einfach mal selbst nachlesen.

Weitere Lektüretipps zum Thema Viralität:

  • Jussi Parikka and Tony D. Sampson (2009), The Spam Book: On Viruses, Porn, and Other Anomalies from the Dark Side of Digital Culture. Cresskill: Hampton Press.
  • Jussi Parikka (2007), Digital Contagions. A Media Archaeology of Computer Viruses, Peter Lang: New York.
  • Weingart, Brigitte (2002) Ansteckende Wörter. Repräsentationen von AIDS. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Snippet der Woche:
Unmittelbar inspiriert von dem vorherigen Eintrag: Jussi Parikka (2007), Digital Contagions. A Media Archaeology of Computer Viruses, Peter Lang: New York, S. 1-2.

As technological accidents have a history, so do diseases. Causes of diseases, which since the nineteenth century have been mainly recognized as harmful, minuscule actors, infectious bacteria and viruses, affect the very basiss of human societies, and at the same time the structural dynamics of societies condition the spatio-temporal occurrences of disease outbreaks. Diseases are symptomatic of the ways cultures interact. They reveal paths of communication and commerce, of interaction and cultural hierarchies, which form the networks of a society: what affects what, who frequents whom and where, and so forth. Diseases expose.

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Bild der Woche:

Protest mit Luftballons – die Schlusseinstellung aus dem Livestream der Universitätsversammlung am 19. Oktober 2010 im Juridicum in Wien. Die Aufzeichnung des Streams kann hier nachgesehen werden – man beachte beim Nachschauen die Genderrepräsentation in den Delegationen am Podium.

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4 Kommentare leave one →
  1. hero permalink
    25. Oktober 2010 1:03 nachmittags

    wen’s interessiert: zum thema autonomes/technologie-gestütztes altern (auch: ambient assisted living – AAL) gibt es zur zeit recht viel… in deutschland läuft z.b. gerade ein großes forschungsrahmenprogramm mit zahlreichen projekten; wenn ich mich richtig erinnere vom vdi und bmf ausgeschrieben.
    ergebnisse zweier bereits abgeschlossener arbeiten:
    http://www.oeaw.ac.at/cgi-usr/ita/italit.pl?proj=d34&cmd=get&opt=count und
    http://www.oeaw.ac.at/cgi-usr/ita/italit.pl?proj=d35&cmd=get&opt=count

  2. 25. Oktober 2010 3:38 nachmittags

    danke, hero!

  3. hero permalink
    5. November 2010 12:04 nachmittags

    nachtrag…
    am ita gibt’s am dienstag einen vortrag zu aal. details finden sich auf der webseite: http://www.oeaw.ac.at/ita

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