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Ars Electronica Rückblick: Konvergenz von Kunst, Gesellschaft, Technologie – und Rummel

8. September 2010

Ein Unterschied zwischen meiner Wahrnehmung der Ars Electronica 2010 und der vieler anderer BeobachterInnen in Österreich: Ich bin ein relatives ‘New Kid on the Block’, war 2009 das erste Mal live vor Ort und habe in den Jahren zuvor im Wesentlichen mitbekommen, wer gerade die goldene Nica in welcher Kategorie bekommen hat. Damit fehlt mir die Möglichkeit zum Vergleich: Wie hat sich die Ars entwickelt – rüttelt sie nach wie vor an den Grenzen, so wie sie das vielleicht 1991 gemacht hat? Und wie steht es um die ausgestellte digitale Kunst, die mit der Vergabe des Prix Ars Electronica immer noch den Fokus des Festivals ausmacht – stellt sie neue Qualitäten vor oder repliziert sie sich und die vergangenen Jahre selbst?

Später hinzu Gekommenen wie mir stellt sich die Ars Electronica dar als das, was sie laut eigener Beschreibung auch sein soll: ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, bei dem ästhetisches Experiment, technologischer Prototyp und diskursive Reflexion von Trends und Grenzen nebeneinander stehen – ohne dass eine aus der Trias die Führung beanspruchen könnte.

Zum Beispiel Hiroshi Ishiguros Telenoid – im letzten Jahr stellte der Professor und Direktor des Intelligent Robotics Laboratories der Osaka University mit den Geminoids Roboterduplikate von u.a. sich selbst und seiner Tochter vor, die jeweils bestimmte Aspekte der menschlichen Fähigkeiten beherrschen (von ‘Creepy Robot Doppelganger‘ sprach der Wired-Autor Brownlee). In diesem Jahr war Ishiguros Team mit einem Produkt vergleichsweise reduzierter Anthropomorphie am Start: Der Telenoid verfügt über Armstummelchen, in einem gemeinsamem Stumpf auslaufende Oberschenkel und die Individualität einer ungeschminkten Schaufensterpuppe (Foto: (c) Ars Electronica).

Dafür ist er beweglich: Man kann ihn umarmen und zurück umarmt werden, seine Gesichtszüge imitieren die einer über Kamera und Mikro telematisch zugeschalteten Person (der ‘Operator’), die man – so das Ergebnis meines Selbstversuchs – jedoch gar nicht als Interaktionspartner wahrnimmt: Man reagiert auf den Telenoid, liest dessen Gesichtszüge als quasi menschlich und reagiert auf ‘seine’ Fragen, erwartet und toleriert dabei deren leichte Exzentrik, obwohl ein Blick durch den Raum unmissverständlich klar macht, dass er von menschlicher Intelligenz gefüttert wird (siehe Foto des Operators unten; (cc) Jana Herwig).

Ästhetisch wirft der Telenoid etliche Fragen auf – zumal er auch bei der Ars nicht im Gewand einer technologischen Innovation daher kam, sondern inmitten eines Standes ‘bespielt’ werden konnte, der u.a. mit ebenso unheimlichen ca. 10 cm großen Miniatur-Telenoids behangen war Der Stummelkörper, die beweglichen Plastikgesichtszüge, die Bewegung, die Stimme – nichts dieser anthropomorphen Techniken ist unauffällig oder normalisierbar und dennoch fügt es sich in der Interaktion als paradoxes Gegenüber zusammen. Die gesellschaftliche Rechtfertigung des Telenoid: In einer überalterten Gesellschaft soll er als Interaktionspartner und als soziale Stimulation für von Einsamkeit bedrohte Individuen dienen – gehört dieses Experiment in den Bereich Kunst, Gesellschaft oder Technologie?

Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch in den Nominierungen und Auszeichnungen für den Prix Ars Electronica, insbesondere in der Kategorie Hybrid Art. Gemeint sind dabei transdisziplinäre Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Forschung, was auch in diesem Jahr vor allem als Schnittstelle von Technologie und Körper interpretiert wurde. Die goldene Nica ging an den Australier Stelarc, der bekannt ist für Verbesserungen seines Körpers durch robotische Prothesen (z.B. einen dritten Arm) und dafür, an Fleischhaken hängend seine Performances darzubieten. In diesem Jahr hat er sich ein drittes Ohrwaschel auf den Arm setzen lassen.

Bevor ich zu heucheln versuche: Es fadisieren mich die Arbeiten von Stelarc mehr als dass sie mich stimulieren – das dritte Ohrwaschel ist z.B. mit einem Mikrofon ausstattbar, so dass es in der Tat aufnehmen kann (wozu es aber nicht in einem nachgebauten Ohrwaschel sitzen muss). Auch nicht ganz eingängig ist, warum dieses Ohrwaschel auf dem Arm sitzen muss – warum nicht auf dem Rücken? Oder dem Handrücken, als Richtmikrofon? Warum muss es wie ein menschliches Ohr aussehen, um seine Funktion zu erfüllen – wenn die Funktion nicht bloß die des Tabubruchs (des Horrors der Chimäre!) sein soll, der heute in etwa so skandalös ist wie Blut oder Penise auf der Theaterbühne.

Mein skeptisches Argument ist natürlich in erster Linie ein technologisches und ein soziales (i.e. kein an genuiner Kunst interessiertes): An anderer Stelle auf dem weitläufigen Gelände der Tabakfabrik konnte man ein ähnliches Experiment mit den Mitteln des Do-it-Yourself-Baukastens selbst ausprobieren: Beim Projekt Artificial Stupidity sah man die Welt durch eine Videobrille, musste sich auf den Input einer Kamera verlassen. Das Kamerabild wurde von anderen Personen manipuliert, verdreht, verzerrt – bei der gestellten Aufgabe, etwas auf eine Wand zu zeichnen, konnte man entsprechend nicht altersgemäß abschließen. In einer Variante des Experiments befand sich die Kamera an einer Manschette, die man über die Hand streift – drittes Auge statt drittes Ohr, in der Handfläche (Auge der Fatima) statt auf dem Arm, Partizipation statt Reflexion über des Künstlers Werk. Anschließend konnte (und kann) man im Wiki von Artifical Stupidity stöbern und die Experimente selbst nachbauen.

Dieser partizipative DIY-Ansatz ist mir sympathischer als die Künstlerperformance, und erschließt auch die ästhetische Ebene: Wie ist oder wäre das mit einem dritten Auge, wie lange brauchen wir, bis unser Raumempfinden auf die flexible Hand als Fokus der Perspektive einschwenken kann? Und ist diese Erfahrbarmachung einer technisierten Welt nicht viel avantgardistischer als das Stellvertreterexperiment des Künstlers?

Installationen, die ebenso gut rein über Web angeboten werden könnten, fanden sich ebenfalls einige – z.B. eine Installation, bei der man seinen Twitternamen eingeben und anschließend die je getwitterten Bilder als tanzende Animation anschauen kann. Installationen wie diese machen einem auch klar, wie sehr das Milieu der Kunsthochschulen mittlerweile ein Ausbildungsbetrieb für Agenturen und Gestaltungs-Ich-AGs geworden ist: praxisbezogene Anwendungen, die in der Tat genauso gut als Dienstleistung an einen Messestandbetreiber verkauft werden könnten.

Verblüfft – obwohl völlig erwartbar – hat mich, wie sehr der Bereich Interface und Interaction Cultures mittlerweile tool- und ressourcengesteuert ist: Beim Projekt Orbitone können etwa Würfel in ein radarähnliches Spielfeld geworfen werden – die Symbole werden abgestastet und triggern – je nach Programmierung – ein spezifisches Ereignis, z.B. einen hohen oder einen tiefen Ton. Da das Radarfeld kontinuierlich abgetastet wird, kann man so einen variablen musikalischen Loop erzeugen – damit auch Menschen wissen, was die Symbole bedeuten, falls sie nicht bloß würfeln, sondern komponieren wollen, tragen die Kuben noch einen Farbcode am Rand.

Was ich erst für eine Entwicklung des Orbitone-Teams der FH Darmstadt gehalten habe, stellte sich dann heraus als Anwendung von Reactivision, einem Open Source Toolkit für “tangible multi-touch surfaces” – die zellstrukturähnlichen Symbolen sind vorgegeben, die Reaktion kann nach den Anforderungen der Installation belegt werden. Schmälert das den Wert der Installation oder betont es nur, wie sehr kreative Schöpfungen immer schon auf bestehendem aufbauen, erst recht im Fall der softwarebasierten, digitalen Schöpfungen?

Auch dort, wo keine Software in der Installation involviert war, zeigte sich der Einfluss der digitalen Kultur, etwa in der Ästhetik der Modularität, wie sie etwa in Nico Ferrandos 25 Paarporträts “My husband and me, me and my wife” ausgestellt wurde. Genderbending kann einen in einem Umfeld wie der Ars Electronica nicht mehr wirklich überraschen – die sekundären Geschlechtsmerkmale der Partner wurden in diesen fotografischen Porträts ausgetauscht, was Männer mit Brüsten, Frauen mit Penisen oder, da im Geist der Inklusivität auch gleichgeschlechtliche Paare porträtiert wurden, Männer mit fremdem Penisen, Frauen mit fremden Brüsten produzierte. Der Kunstgriff der vertauschten Körperelemente verblüfft uns nicht wirklich – wir haben ähnliches, nur ohne Nacktszenen, schon einmal in Facebook Apps durchgespielt. Letztlich war es dann die Weite des Ausstellungsraums und die schiere Menge der Porträts, die dem ganzen zumindest einen Eventcharakter gab.

Last not least, nochmals aus der Kategorie Hybrid Art: Paul Vanouses ‘Ocular Revision’, zweiter Platz nach Stelarcs ‘Ear on Arm’. Ocular Revision übersetzt DNA Segmente in Bilder und Muster, Punkt. Aus Datainput mach Dataoutput, die genauen Modalitäten des Transfers, der Prozess der Signifikation lässt sich dem nicht genau entnehmen. Vielleicht wird nicht einmal DNA visualisiert, sondern Eigenschaften eines Aminosäurenträgers? Das Kunstwerk selbst sagt es uns nicht – und die Reduktion auf Input-Output-Relationen beschreibt dann auch, was bei manchen Projekten digitaler Kunst bei mir den Nachgeschmack ‘Is that it?’ hinterlässt.

Da lobe ich mir die transgene Petunie des Vorjahresbeiträgers Eduardo Kac, die angeblich DNA des Künstlers enthalten soll. Zwar bin auch ich geneigt, diese als bloße Fabelpflanze zu betrachten (siehe ein Blogpost vom Vorjahr von Ritchie Pettauer), doch immerhin verlegt Kac den Transferprozess völlig in eine Blackbox (keiner weiß, ob die Pflanze wirklich seine Gene enthält und wenn ja, was diese dann in der Pflanze anstellen sollen), statt auf pseudosignifikante Visualisierungsprozesse zu setzen.

Und am Ende dieses Blogposts stelle ich fest, dass mir die zwei Tage, die ich dieses Jahr auf der Ars verbringen konnte, vor Ort zwar sehr anregend vorkamen – insbesondere bin ich ein Fan der Symposien und Workshops, die die Ausstellungen diskursiv begleiten, auch wenn ich auf diese (z.B. Frithjof Bergmanns radikale Thesen zur Transformation bestehender Arbeitsverhältnisse) hier nun gar nicht eingangen bin. Nimmt man sich Zeit, das Ausgestellte etwas zu reflektieren, fällt es mitunter schwerer, das jeweils Anregende darin zu benennen – ist es doch nur der Eventcharakter, der ‘Rummel’, der das Festivalerlebnis gelingen lässt? Ist es damit nur konsequent, das auch der ÖAMTC dort ausstellten und eine Gastankstelle bewundert werden konnte?

Fazit: Das Gesamtpaket Ars Electronica, als konvergente Mischung von Kunst, Gesellschaft, Technologie und Rummel, lohnt den ausgedehnten Besuch in jedem Fall. Inwieweit die Ansprüche, die mit der Vergabe von Preisen für digitale Kunst gestellt werden, von dem dort ausgestellten dann erfüllt werden, darüber lässt sich streiten. Eventuell würde eine Erweiterung der Kategorien, oder eine Anpassung derselben an das Erfahrungsspektrum der letzten Jahre, weiterhelfen – eventuell braucht es mehr Kategorien wie ‘Digital Communities’ oder wechselnde Rubriken, die auch die Themensetzung des Festivals als ganzes besser reflektieren.

- – -
Für einen breiteren Rückblick empfehle ich das Gesamtwerk von Georg Leyrer auf kurier.at

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3 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2010 2:59 nachmittags

    hmm – zum einen, ich kann deinen eindruck nachvollziehen – zum anderen, scheint mir, dass du die verbindende klammer, das thema “repair”, ein bissl zu sehr außer acht lässt, da diese klammer meines erachtens, dann sehr spannende, witzige, ironische (ÖAMTC?) assoziationsräume aufmacht – kann das eine klammer… wie auch immer… und: dass man/frau zu einzelnen kunsterzeugnissen jetzt recht geteilter meinung sein kann, auch klar…für meinen geschmack wird da recht anschaulich und -greiflich versucht dem festivalcharakter das “fest” eben nicht zugunsten von konferenz oder symposion aufzuweichen…

  2. 8. September 2010 3:06 nachmittags

    Richtig, die Klammer habe ich ausgelassen bzw. nur am Schluss nochmal verwiesen auf ein zu wünschendes besseres Reflektieren der Themensetzung auch beim Prix – Repair war schon sehr viel drin in den Symposien und Konferenzen, auf die ich kaum eingegangen bin, bei den genannten Exponaten kann man’s reinlesen oder auch nicht. Wenn ÖAMTC und Erdgas Repair (Untertitel: Sind wir noch zu retten?) ist, dann wär’s auch der Baumax und Ikea – ist das nicht ein bissl arg weit? Naja, der Rummel schweißt jedenfalls alle Miszellen zusammen.

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