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Warum Sprachentscheidungen auf Social Media nicht trivial sind

21. Mai 2010
Delete Group

Natürliche Sprachen und menschliche Tätigkeiten beziehen sich aufeinander – und während die Mär der 100 Worte für ‘Eskimo’-Sprachen längst widerlegt ist, bedingen die Sprachentscheidungen der Social Media-Plattformen – das Wording als Teil der Interfacepolitik – unsere Interaktionen. Und weil das Verhältnis von Sprache und Realität kein unschuldiges ist, die UserInnen obendrein an diesen Sprachentscheidungen in der Regel nicht beteiligt sind, sind die Konsequenzen mitunter verwirrend, und das oft absichtlich.

Zwei Beispiele vom aktuellen Social Media-Lieblingsbösewicht Facebook: Natürlich hätte man Kontakte auf Facebook auch Kontakte nennen können – die Entscheidung für ‘Friends’ bzw. ‘Freunde’ sorgt seit Jahren sowohl in der Medienberichterstattung als auch im Privaten für Gesprächsstoff. Dabei begegnet man immer wieder auch der Annahme, dass es Menschen gäbe, die ‘so blöd’ seien, dass sie ‘Friends’ mit ‘echten Freunden’ verwechseln würden – die Bereitwilligkeit, anderen grenzenlose Dummheit zu unterstellen, scheint manchmal grenzenlos, und gerade die fortdauernde Thematisierung zeigt vielmehr an, dass Menschen dass eben nicht so sehen. Viel wichtiger wäre es, an dieser Stelle den Eingriff in soziale Realitäten zu thematisieren, den Startups vornehmen, wenn sie möglichen Interaktionsformen und -beziehungen Namen geben.

Zweites Beispiel: Die jüngste Umstellung von “Fan werden” auf “gefallen” bzw. die Umbenennung des “Become a fan”-Buttons in einen “Like”-Button. Der “Like”-Button war zuvor schon eingeführt – er bedeutete, dass man z.B. ein Status-Update einer Person für gut befinden konnte. Weitere Verpflichtungen gab es beim ‘Liken’ nicht. Als Fan wurde man jedoch Fan einer Seite, das eigene Profil wurde technisch mit dieser verknüpft – und nun das gleiche Wording zum Bewerten von Seiten als auch zum Beitreten zu einer Seite zu verwenden ist nicht trivial. Man ist doch viel eher bereit, einmal Gefallen auszudrücken als gleich ein Fan zu werden, gerade auf aufgrund der bereits etablierten Verwendungform, oder nicht?

Sprachentscheidungen als Teil der Interfacepolitik: Das Thema möchte ich noch fortführen. Wer welche weiß, gebe mir Hinweise: Ich suche noch weitere Gegensatzpaare, die durch Social Media etabliert wurden. Beispiele, hier in englischer Diktion:

Follow + Unfollow
Friend + Unfriend
Fave + Unfave
Like + Unlike

Danke sehr!

Hier ein schönes Beispiel für die merkwürdigen Nebenprodukte von Interface-Modellierung:

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12 Kommentare leave one →
  1. 21. Mai 2010 9:22 vormittags

    In meinen Texten setze ich das Facebook “Friends” immer unter Anführungszeichen, um es von Freunden entsprechend zu unterschieden. Bei Vorträgen gibts dann bei Einführung der Unterschiedung ein entsprechendes Handzeichen. Noch nehmen, auch die Jugendlichen mit denen ich zt gearbeitet habe, eine Unterschiedung vor; ob sich der Sprachgebrauch von “Freund”, und damit die Bedeutung des Wortes mit der Zeit verschiebt bleibt zu beobachten.

    Nicht zu vergessen in dem Kontext ist die schon vor Facebook unterschiedliche Bedeutung von Friends in Amerika und Freund im dt-sprachigen Raum. Dort war man schon immer mal sehr flott ein ‘Friend’, aber deswegen noch lange kein “Freund” in unserem Sinne.

    Zu “like”: War letztens gezwungen um die Distribution von Nachrichten in sozialen Netzen zu beschreiben folgenden Satz zu schreiben: “the respective messages calling for activity were sent, forwarded, retweeted and ‘liked’.” Gott-sei-Dank gibt’s Anführungszeichen.

  2. 21. Mai 2010 9:34 vormittags

    Die Anführungszeichen für Konversationen außerhalb der Plattformen. Ein Button kennt allerdings keine Anführungszeichen, Interfaces kennen (so meine Vermutung) keine Ironie (allenfalls in einer künstlerlichen Auseinandersetzung).

  3. 21. Mai 2010 9:50 vormittags

    Wichtiges Thema, danke! Die Diskussionen scheinen mir auch damit zusammenzuhängen, dass wir ein sehr idealisiertes und pathtetisch aufgeladenes Verständnis von “Freunschaft” haben. Und von dem Bemühen, Beziehungen schön zu kategorisieren und von anderen zu unterscheiden. Das ist ja immer auch konfliktreich. Praktisch bei mir: Es gibt Leute, die dürfen mich unangemeldet besuchen kommen, andere, die dürfen mich anrufen, andere die dürfen mir Mails schicken, andere, die dürfen mit mir Facebooken und wieder andere, die dürfen nix. Die Wahl des Mediums bestimmt über Nähe und Distanz. Oder anders: Die intuitive Medien-Nutzung sagt mir was über die Art der Beziehung, die ich zu einer Person haben möchte. Vielleicht brauche wir einfach mehr unterschiedliche Wörter für “kennen”…

  4. 21. Mai 2010 11:32 vormittags

    Wobei Interfaces uns nur ungeschränkt die Moglichkeit geben, unser diffizileres Verständnis der jeweiligen Begriffe zu explizieren – ein Button setzt einen On oder Off-Status und fügt ein Label hinzu. Polysemien dürfen wir im Anschluss thematisieren, aber ins Interface finden Sie keinen Eingang. Eigentlich das gleiche Problem, das die beiden WC-Türen Trans- oder Intergender-Personen stellen. Ironiefrei.

  5. 21. Mai 2010 11:53 vormittags

    neu hinzu kommt noch flattr – was sich evtl nicht ganz so durchsetzen wird. Zudem noch keine Klarheit herrschaft ob man ein “flat” oder ein “flattr” oder was auch immer als atomare Einheit verwendet.
    Gelungen ist jedenfalls der Begriff zumal flatter schmeicheln heißt, aber flattr sich ganauso auf Flatrate beziehen kann.

    @ Antje Schrupp
    ohne jetzt länger drübe rnaczudenken würde ich es drauf beschränken, dass im realen Austausch eine recht klare Definition von Freundschaft herrscht. Allerdings gibt es keine Konvention darüber, wen ich bei Facebook als solchen adden soll/darf/kann. Und in dem Fall betreibt das jeder User anders: manche akzeptieren jede Request, andere nur derer, die sie selbst ausstehen können, oder gar nur persönlich kennen.
    Daher ist es mMn schwer den Begriff, ob der heterogenen Verwendung, zu pauschalisieren. Sehrwohl kann man (so finde ich) die Auffassung des Begriffes aber eben im kontext zu physischen/herkömmlichen Kontakten betrachten.

    Vielleicht sollte man aber einem Medium wie Facebook auch nciht vorwerfen, friend als contact gemeint zu haben. In der Entstehung war vllt friend mit physischem Kontakt (bitte nicht i-Tüpfel-reiten) wirklich gleichgesetzt…

  6. 21. Mai 2010 12:11 nachmittags

    master-slave (Unwort des Jahres bla…)

  7. 21. Mai 2010 12:56 nachmittags

    @fatmike klares verständnis von Freundschaft im austausch? wer jemals Missverständnisse erlebt hat (und diese ereignen bzw. manifestieren sich im Austausch) oder die von Axel schon angesprochenen kulturellen Unterschiede wird sagen – I beg to differ! mit diesem blogpost ging es mir dabei nicht um die Vielfalt des freundschaftsbegriffs, sondern um die Reduktion auf EINE Art der Beziehung UNTER Einbeziehung daran geknüpfter Funktionen. Wie wir zueinanderstehen ist Wurscht: nur wenn du mein friend bist, kannst du meine Bilder sehen. Einbeziehung von feingegliederten untereinstellungen sind M.e. irrelevant, da sie nie den Schwankungen und Empfindungen des Lebens gerecht werden können.

    Außerdem – wie oben geschrieben – finden die Behauptungen dass jemand contact und friend verwechseln wuerde, eh statt, richten sich aber perfiderweise an Personen. Natürlich hat aber das Unternehmen Facebook hier die verantwortung – ob als Medium verbrämt oder nicht, ob als Vorwurf oder Feststellung angeboten.

  8. 21. Mai 2010 1:50 nachmittags

    @ digiom
    Habe dein posting über meinem erst nach Absenden gelesen — aber gebe dir vollkommen recht. (habe eher darauf abgezielt, dass wohl in jedem kulturellen Kontext zumindest einer irgendwie direkten Kommunikation bedarf, um wen als Freund bezeichnen zu können.)
    Bin gespannt wie lang der jeweilige Kontext noch vorhanden ist. Die Vermischung mono- vs bidirektionalem Bestätigungs/Verfolgungsverhältnis gibts ja schon zu hauf als “Buhhuhu du folgst mir nicht auf Twitter”.

  9. 21. Mai 2010 10:58 nachmittags

    >habe eher darauf abgezielt, dass wohl in jedem kulturellen Kontext zumindest einer irgendwie direkten Kommunikation bedarf, um wen als Freund bezeichnen zu können.)
    ok, verstanden, solang damit nicht notwendigerweise face to face gemeint ist:)

  10. Thomas Schandl permalink
    3. Juni 2010 10:21 nachmittags

    Bei boardgamegeek.com gibt’s “to thumb” um einem Beitrag Daumen hoch zu geben, aber keinen gebräuchlichen Gegensatz.

    Etabliertes Gegensatzpaar, aber ohne mir bekannten Interfacebezug, ist natürlich noch win / fail

  11. 3. Juni 2010 11:28 nachmittags

    So wie liken auf Facebook, oder? Da gibt’s auch keinen Gegensatz. Ich hab grad ein Deja vu.

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