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Gibt es Nerds und reiten sie uns in die systemlogische Scheiße oder könntest du ohne sie dies nicht lesen?

31. März 2010

Im aktuellen Brandeins gibt es grad einen Nerd-Artikel, den ich nicht gelesen habe, sondern auf den ich nur wie durch einen trüben Spiegel schließen kann aufgrund eines Blogposts der von mir sehr gern gelesenen Antje Schrupp. Der Teaser zum Brandeins Artikel ist jetzt eher nicht so vielversprechend, und er endet wohl mit dem Satz “Und ja, es gibt Frauen, die Nerds ziemlich erotisch finden”:

Sie ernähren sich von kalter Pizza, stehen auf Rollenspiele und haben schon in der Schule kein Mädchen abgekriegt – so viel zum Klischee. Dabei hätten Nerds einiges zu bieten. Zum Beispiel Antworten auf die Fragen von morgen.

Uff. Das sind erstmal entnervende Stereotype, auch das Erheben der Frage ob Frauen Nerds erotisch finden (Finden sie Sozialpädagogen, Bankangestellte, Berater erotisch und worauf sucht die Frage überhaupt eine Antwort?), insofern habe ich in einem ersten Kommentar auf Antjes Blog den Nerds meine Zuneigung und Wertschätzung ausgedrückt. Ich blieb dann aber weiter hängen an den Dikussionen und auch Fragen, die Antje in ihrem Blogpost eröffnet hat.

Zum einen schlägt sie vor “die der Debatte eigentlich unterliegende Konstruktion (beziehungsweise Dekonstruktion) von Männlichkeit aufzudecken und als solche zu thematisieren”, schlägt dann einen Bogen zu den Piraten, die eines ihrer Blogposts (Kann eine Feministin Piraten wählen?) besonders intensiv kommentierten und an dem sie irritierte, “dass sie ihre Meinung so verkündeten, als ginge es dabei um eine objektive Wahrheit, eine universale Logik, und ich sei nur zu blöde, um sie zu verstehen”, um dann schließlich ein Fass und eine Frage aufzumachen, bei dem sie Politik mit Hannah Arendt definiert als “Möglichkeit des Neuanfangs [...], durch die Fähigkeit jedes einzelnen Menschen, etwas Anderes, Neues, noch nie da Gewesenes zu tun. Die alten, bisher existierenden Logiken und Maßstäbe haben im Bezug auf dieses Neue keine Gültigkeit.”

Und da geht es nun um einiges mehr als um die Frage danach, ob Frauen auf Nerds stehen oder nicht (was sowieso die falsche Frage ist). Und weil mir der zweite Kommentar, den ich dort noch gepostet habe, doch auch unter den Fingern brennt, poste ich ihn hier unten noch einmal, etwas Korrektur gelesen.

Jana (26) reiteriert sich als sozial inadäquater Webnerd (Webcam, ca. 2000)

Jana (26) reiteriert sich als sozial inadäquater Webnerd (Webcam, ca. 2000)

Vorher aber noch eine Erklärung zu diesem (schon mal hier gepostetes) Bild von mir: Ich empfinde es als gute Entsprechung zu einem anderen Bild, das Antje von sich in einem anderen Post veröffentlicht hat, mit dem Untertitel “Antje (24) verkündet Entscheidungen“. Hier also der Kommentar auf dieses Blogpost:

Möchte hier etwas später, weil mich die Frage noch beschäftigt, auf dieses zurück kommen (Frage von Antje):

Könnt Ihr mit diesem Unterschied zwischen offener, unbeweisbarer, überraschender, nicht vorhersagbarer Politik (Differenz) und verstehbarem, allgemein gültigem und logisch beweisbaren Systemen (Universalismus) etwas anfangen?

Falls mit diesem Unterschied jetzt der zwischen ‘Nerds’ und (welchen?) anderen Menschen gemeint sein soll (das legt jetzt der Titel des Artikels nah), dann macht der da eine Unterscheidung auf, die nicht stimmt.

Zum einen, wie schon oben beschrieben, weil es ‘den Nerd an sich’ nicht gibt, weil der Begriff Nerd auch nicht viel hilft, da er sowohl als Schimpfwort, zur Identifikation als auch als ‘irgendwie’ Hipsterbezeichnung und Buzzword verwendet wird, ohne zu klären, was es ein Nerd ist.

Der Link zu den Piraten erscheint mir auch unklar – ja, es haben sich Piraten mit universalistischen Ansprüchen in die Diskussion über sie (die Piraten) eingeklinkt, die Überlappungen zwischen Piraten und Nerds sind wohl hoch – dabei könnte ein Argumentieren mit universalistischen Ansprüchen auch von allen anderen möglichen Fundamentalisten ausgehen.

Richtig ist sicher: Die Piraten werden nicht unsere Partei, um für Gleichbehandlung aufzutreten, sie bearbeiten erst einmal ein Spezialthema, das in vielen anderen Parteien Dilettanten überlassen wird, mit dramatischen Konsequenzen für unsere Rechte in netzbasierten Szenarien (ich sag nur: Censilia Malmström).

Man kann – ohne damit dann den verschiedenen Verwendungen von Nerd gesamt gerecht zuwerden – durchaus eine Diskussion aufmachen zwischen Systemlogik und Politik in dem von dir beschriebenen Sinn (den ich von wenigen PolitikerInnen vertreten sehe, btw, egal welcher Partei). Vielleicht könnte man sogar einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und Präferenz für eine Position, bis hin zu Nerds und FeministInnen ausmachen – mir fällt dabei ein, dass ich mit einer Freundin während des Studiums zu scherzen pflegte, dass Systemtheorie ja besonders viele Männer anziehen würde, weil sie damit die Welt ohne semiotischen Rest in binären Oppositionen verwalten können.

Da könnte man dann die Aspergerdebatte heranziehen, eine Pathologie betreiben, die sich besonders auf Männer bezieht, Facebook-Gründer Zuckerberg und die Anekdoten seiner sozialen Inadäquanz hervorholen. Möglicherweise ist es so, dass die Erklärung der Welt anhand eines Universalsystems in bestimmten Wissenschaften besonders betrieben wird – und da könnte man als PolitikerIn in deinem Sinne dann gut sagen: Die delegieren ja ihre Verantwortung, ihr Handeln an ein System.

Für mich bleibt aber doch unterm Strich, dass auch die Personen, die solche Wissenschaften betreiben, Personen sind, dass – Achtung, Pathos! – die historische Menschheit als ganzes an dem zusammenwirkt, was wir jetzt haben, im Guten wie im Bösen (ich sympathisiere übrigens mit der Idee der Neurodiversität und gehe insgeheim davon aus, dass wir ohne solche an Universalsystemen Arbeitenden jetzt nicht über Blogs kommunizieren würden, weil es keine Rechenmaschinen a.k.a Computer gäbe).

In der Medienwissenschaft wird diese Debatte (immer noch und zu Tode) unter dem Schlagwort “Analog oder Digital” geführt, und hier mal ein bisschen Copy/Paste aus einem Text, an dem ich gerade arbeite:

Wesentlich ist hier der Hinweis auf den Kontext der jeweiligen diskursiven Praktiken, welche durch dichotome ontologische Zuweisungen und die Asymmetrien, die diese produzieren (analog/digital = real/unwirklich) verdeckt würden. Dass digitale Medien bzw. digitale Medialität auf binären Berechnungsprozessen, Algorithmen auf formalen Operation, Datenbanken auf diskreten Unterscheidungen beruhen und dass dies auch Konsequenzen für die sich entwickelnden Kulturtechniken hat, steht außer Frage – ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder ästhetische Wahrnehmung noch soziale Realität ebenfalls entlang solcher formalen und diskreten Unterscheidungen umschlagen. Erst in dieser Konfrontation wird die Unterscheidung von analog und digital für die Erforschung der Praxis produktiv: Es geht damit im Folgenden weniger um die Frage, ob das Analoge und das Digitale eine klare Opposition oder zwei Pole in einem Kontinuum darstellen, als darum, wie sich technische Diskretheit und das Kontinuum der Wahrnehmung, Automatisierung und menschliche Performanz (ohne diese als ‚Lebendigkeit’ zu hypostasieren), wie sich medientechnisch und individuell-sozial bedingte Aspekte in der diskursiven Praxis, im Gemenge zu- und miteinander verhalten.

Da geht’s übrigens um 4chan.org. Hier ein zauberhafter Guide zu 4chan, bei dem wir mitten in der Nerds / Rest der Menschheit-Debatte sind:

http://freepicturesforyou.net/4CHAN_vs_the_Internet.html

4chan and the rest
(Zu obigem Link noch: /b/ ist das nerdigste, aberwitzigste, zugleich rassistischste und sexistische Forum von allen auf 4chan. Und Lolcats wurden auf 4chan erfunden.)

7 Kommentare leave one →
  1. 1. April 2010 6:49 nachmittags

    Nerds ist Mord.

  2. 1. April 2010 8:04 nachmittags

    die überschrift! =)

  3. 2. April 2010 11:51 vormittags

    @ihdl die steht oben!:)

    @andreas eben erst deinen kommentar aus der spamqueue geholt. keine ahnung wie er da reinkam. gibt es einen nerdmordfilter in wordpress?

  4. 2. April 2010 12:10 nachmittags

    Gefällt mir der Artikel, danke sehr! :)

  5. 2. April 2010 12:15 nachmittags

    @bobschi danke, gern geschehen.

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