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Nominierung in der Kategorie Social Media Guru #wolo09

15. November 2009

Die folgende Nominierung für den Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten 2009 ist eine Nominierung in Stellvertretung. Sie ist verdient weniger allein von dieser einzigen Person, sondern ist im selben Atemzug auch all jenen gewidmet, die der Ansicht sind, dass der Mensch sich im Würgegriff der Technik befinde, einem mitunter als liebevoll oder sogar lustvoll gedeuteten Würgegriff zwar, aber eben doch unerbittlich dem, was die Technik uns erlaube oder verbiete, ausgeliefert.

Hervorgetan als Prediger wie Apokalyptiker zugleich hat sich im vergangenen Jahr und soll daher mit einer Nominierung gewürdigt werden:

Ibrahim Evsan – es macht nichts, falls Sie diesen Namen nicht kennen, da dies ja eine stellvertretende Nominierung ist. Nennen wir ihn im Folgenden also:

den Social Media Guru,

und lernen wir aus seinem Beispiel, um andere seiner Art zu erkennen.

Der Social Media Guru war Gründer eines Videoportals. Seit er dort aus der Geschäftsführung ausschied, ist er als „Expert für Social Media“[1] tätig und veröffentlicht demnächst ein Buch mit dem Titel „Der Fixierungscode“.

Die Domain www.fixierungscode.de ist bereits eingerichtet, verlinkt auch unmittelbar weiter auf Amazon.de, wo in das Buch, dessen Autor laut Cover den Namen IbrahimEvsanPunktde trägt, leider noch nicht Einsicht genommen werden kann.

Tu Felix Austria, denn der Social Media Guru war Anfang Oktober zu Besuch[2] in Wien um zu predigen über das Kommen des Fixierungscodes.[3] Diesem Code, der in Maschinen wohnt und sich „wie ein trojanisches Pferd in unser Bewusstsein schleicht“[4] können wir uns nicht entziehen. Er ist in höchstem Maße ansteckend:

„Wenn ich an einer Maschine vorbeigehe,“ so der Guru, „erst dann empfinde ich so eine Fixierung, erst dann will ich wissen, was geht ab [im Social Web, Anm. JH] – aber wenn ich von der Maschine weggehe und schöne Inseln, traumhafte Strände sehe, dann denke ich nicht drüber nach.“ [3]

Wohl dem, der schöne Inseln, traumhafte Strände hat.

Die übrigen jedoch müssen fürchten, durch die Sammelwut, in die der Fixierungscode sie treibt, hochkriminell zu werden, denn weil alles im Netz zum Download steht, muss alles auch herunter geladen werden.

Wer jetzt glaubt, der Guru wolle das Web oder Internet abschaffen, der irrt – das Gegenteil ist der Fall:

„Ich habe Riesenprobleme mit Freunden, die Facebook nicht nutzen“, ließ er uns wissen. “Es ist so, dass einige in der Gesellschaft [die Offliner, Anm. JH] sich immer mehr von mir entfremden.” [3]

Doch zum Glück gibt es Kräfte, die das Web aufrechterhalten: die „digitalen Supermächte“, „die Großen, die Mächtigen,“ die uns „einfach mal so überrumpelt haben“ sollen, weil sie „ genau wissen, dass die Menschen fixiert sind.“ Und, so der Guru, “diese digitalen Supermächte entwickeln sich immer weiter, werden immer größer.” [3]

Was kann der Ausweg sein aus diesem Dilemma?

“Ich denke sehr oft drüber nach“, so der Social Media Guru, „mit meinem Team weg zu gehen, [Angebote gibt es], weil hier ist es depressiv. Hier ist doch der Onliner nicht ernst genommen.” In eine Gegend zieht es ihn, in der gute Ideen auch mit 100 Millionen Venture Capital belohnt werden.

Wenn du die digitalen Supermächte nicht schlagen kannst, so verbünde dich mit ihnen?

Fazit:

Einen Social Media Guru erkennen wir an der Extremität der Aussage:

Die Technik soll uns radikal verkehrt, verdreht, von innen nach außen gekehrt haben und wir können nichts tun als ihr hinterher hecheln – oder aussterben. Verblüffend oft stellen wir dann fest, dass diese Radikalität vor allem ein Verkaufskonzept ist – für das Buch, die Keynote, den Beratungsauftrag.

Geben wir Ibrahim Evsan den Wolfgang Lorenz Gedenkpreis 2009, als würdigen Stellvertreter für alle jene, die den Übergriff der Technik predigen und gut daran verdienen.

[1] http://www.ibrahimevsan.de/about/
[2] http://www.digitalks.at/digiday09/
[3] http://www.ustream.tv/recorded/2368848 (Video der Wiener Rede)
[4] http://www.ibrahimevsan.de/2008/05/20/der-fixierungs-code

EDIT: Veröffentlicht via Smartphone, Verlinkung wird nachgetragen, danke derweil für die Nutzung von Copy/Paste und Suchmaschinen. Verlinkung ist mittlerweile nachgetragen! Ich war in der Jury des WoLo09, dies ist meine Nominierungsrede. Eine Rückfrage erreichte mich per Twitter über eine anonyme NutzerIn:

@digiom schon ist 1 gewagte aussage. ich hab die nominierungen vorab nirgendwo gefunden. übersehen? gar nicht publiziert? Link

Nein, gab es vorab gar nicht! Wir haben uns bei dem Preis an den Gedanken des internetfreien Lebens gehalten und uns darum auch um Intransparenz bemüht – wer nicht da war, wusste auch nicht wer gerade nominiert wird. Wir haben’s dann aber eh schnell getwittert – @nefrage hat’s ja auch so gefunden und sich sogar zum Rückfragen bei Twitter registriert – solche Förderung der Verbreitung von Internetnutzung war natürlich, wie @nefrage richtig erkannte, nie unser Ziel gewesen:

@digiom da ich nur auf twitter infos gefunden habe und nachfragen wollte, hab ich mich registriert. darum. nicht euer ziel? Link

Nun ja, meine Antworten (Verweis auf Google sowie meine Timeline) haben ihn oder sie nicht so ganz befriedigt:

@digiom ich wollte 1 zusammenfassung, kein 140-zeichen-puzzle. man sollte alte tugenden ob neuer möglichkeiten nicht vergessen ;) Link

Und ist ja auch so – 140 Zeichen können ganz schön kryptisch sein. Lieber die Finger weg lassen vom Internet! Dann kann man sich nicht fixieren lassen und auch nix plagiieren – Stecker raus! (Meine private Vermutung oder Hoffnung ist ja, dass @nefrage irgend jemand Nominiertes ist, der einen Google Alert auf seinen Namen eingerichtet hatte – das wäre allerdings ein Widerspruch in sich, vor den Gefahren des Internets warnen und seine Services aber emphatisch nutzen, deswegen wird es wohl auch sicher nicht so gewesen sein).

Im nächsten Jahr müssen wir dringend den Österreichischen Internetrat hinzuziehen, der ja auch im Fall “The Concerned Public vs Krone Multimedia GmbH & Co KG” schon so weise entschloss:

Quod licet iovi, no licet bovi! Was in der Kronen-Zeitung (Print) niemanden interessiert, weil man diese sowieso nur zum Ofenanfeuern verwendet, das wird online schnell zum Bumerang. Was hüben als “Freies Wort” erscheint, das rächt sich drüben. Daher, liebe Kronen-Zeitung: Keine Leserbriefe mehr online veröffentlichen! Nie wieder Medienkonvergenz! Jedenfalls nicht, bevor die Krone ihre Kampagne zur Freiwilligen Ethischen Selbstkontrolle gestartet hat, die sich dann sicher auch auf die Leserschaft auswirken wird.

Über #Wolo09: Dem “Scheiß Internet”, in das sich junge Menschen “verkriechen”, hat ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz im Herbst des Jahres 2008 den Kampf erklärt. Wenn das nicht Grund genug ist, nach dem Visionär einen Preis zu benennen, was dann? Das Wiener KünstlerInnen-Kollektiv monochrom hat deshalb den “Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten” gestiftet. Mehr auf der Seite von monochrom.

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5 Kommentare leave one →
  1. 16. November 2009 11:13 nachmittags

    Menschen, die mit Videoportalen in Zusammenhang stehen, sollte man grundsätzlich nicht trauen ;)

    “Wohl dem, der schöne Inseln, traumhafte Strände hat…” Oja!!!

  2. 17. November 2009 4:55 nachmittags

    …bei manchen Keynotespeakern ertappe ich mich immer wieder bei der Unsicherheit, ob ich jetzt betreten schweige, weil’s so ergreifend war, oder weil’s so ein Bloedsinn war… :)

  3. 17. November 2009 5:20 nachmittags

    In diesem Fall war ich froh, dass ich sie mir nur per Video gegeben habe – sonst waere ich in der Bedraengnis gewesen, den Raum verlassen zu müssen, ohne ihn aber aus Höflichkeit verlassen zu wollen. Die Rede tut wirklich weh. Die Blogposts sind ertraeglicher, obwohl sie von den gleichen Gegebenheiten ausgehen. Aber da kommen dann nicht Sätze vor “Die Geräte sind so schön, Mensch, ich will doch auch schön sein.”

  4. 18. November 2009 9:22 nachmittags

    Der Typ war wirklich kaum auszuhalten. Schön war nur, als dann beim Fragen-aus-dem-Publikum-Teil komplette Stille herrschte.
    Vielleicht hätte ich nach einer angemessenen Zeit des Schweigen doch noch “Aus welcher Folge stammte Ihr erster Southpark Ausschnitt?” fragen sollen.

  5. 18. November 2009 9:35 nachmittags

    ja, das wäre eine passende frage gewesen:)

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