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Vom Wert der Spaß-Guerilla: Und alle so ‘yeaahh’

22. September 2009

Aufgrund selbst auferlegter Offline-Zeit dauerte es drei Tage, bis ich die Fährte der wiederholt getwitterten Phrase ‘Und alle so yeaahh‘ aufnahm und stieß auf folgendes Ereignis, das Spiegel Online mit dem leider dort immer häufiger geübten Gestus des Web-Bashers mit dem Etikett “Flashmob-Terror” belegte:

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hielt am Freitag, den 18. September um 19 Uhr eine Wahlkampfrede am Hamburger Gänsemarkt – weil jemand das entsprechende Plakat mit der Notiz Und Alle so: “Yeaahh” versehen hatte, weil jemand (anderes?) es fotografiert und auf Flickr gestellt hatte, weil viele das witzig fanden, weil es auf Nerdcore gepostet wurde und weil Spreeblick gleich zweimal (1, 2) drüber bloggte… in Folge dieser und möglicherweise noch weiterer Mikro-Ereignisse fanden sich an jenem Freitag um sieben am Abend viele Menschen mit ‘Yeaahh’-Plakaten am Gänsemarkt ein, um jede Äußerung der Kanzlerin mit einem solchen zu bedenken.

Klingt das kindisch? Ja, schon – ich erinnere mich an eine köstliche Deutschstunde, in der wir, die damalige Klasse G9 der Gesamtschule Schenklengsfeld, jede Äußerung unserer Deutschlehrerin (die wir übrigens sehr mochten) mit Applaus quittierten. Eine bewusste Fehlleistung: Szenen-Applaus im Schulunterricht hat die Komik einer Genreverschiebung, und sowohl wir als auch die Lehrerin hatten Lachtränen in den Augen. Angela Merkel bewahrte den Ernst im Angesicht des “pubertären Störens” (Spiegel Online) – liegt hier also politischer Protest 2.0 vor oder ist da ‘nur’ eine Spaß-Guerilla am Werk?

Die Frage drängt sich auf, von der Beantwortung der Frage ist jedoch abzuraten – das Format der Wahlkampfveranstaltung ist in den meisten Fällen selbst ein solches Ärgernis (Phrasendrescherei, unhaltbare Versprechungen, inhaltlich gewagte Simplifizierung zum Zweck der Agitation, … ), dass es verdient mit einer bewussten Fehlleistung beantwortet zu werden. Die Deutung als Protest 2.0 verpflichtet andererseits zu Versprechungen, die wohl kaum gehalten werden können – jedenfalls nicht, solange die Vorstellung von Protest noch immer vom Ideal des Straßenkampfes dominiert wird.

Schon wieder muss ich auf Evgeny Morozov verweisen, der Slacktivism wie folgt definiert:

Slacktivism” is the ideal type of activism for a lazy generation: why bother with sit-ins and the risk of arrest, police brutality, or torture if one can be as loud campaigning in the virtual space?

Das stellt umgekehrt die Frage, ob einem politisches Bewusstsein erst dann attestiert werden darf, wenn man “police brutality” herausgefordert hat. Ist es nicht smarter, eine solche Provokation (und deren lähmende Konsequenzen) zu vermeiden und statt dessen am intendierten Signifikationsprozess herumzudrehen, das zu betreiben, was Johannes Grenzfurthner in seinem Paraflows-Talk “The medium is the mess-up: guerrilla communications” diskutiert hat? Zum Beispiel in dem man das Genre der Parteigängerveranstaltung hackt, unisono jubelt und dies mit den gleichlautenden Schildern (‘yeaahh!’) der gekauften Wahlkampfunterstützer optisch untermalt (siehe auch den Eintrag ‘Jubelperser‘ auf Wikipedia).

Es liegt hier ein Generationskonflikt vor, wobei nicht das biologische Alter, sondern die bevorzugte Form der Mediennutzung und das Verständnis politischer Ästhetik den Ausschlag gibt. Daher bitte auch noch lesen: Ingrid Brodnigs Artikel Rebelliert halt selbst, ihr alten Säcke!.

P.S. Irgendjemand hat beim zweiten Abend mit Moot während der Paraflows die Frage gestellt, ob es auch deutschsprachige Mems gäbe – es klang als neigte die Person zu glauben, dass das ein Privileg der englischen Sprache wäre. Eigentlich ist es einfach: Wo Menschen kommunizieren (d.h. wo Botschaften manipuliert werden können und Polysemie im Rezeptionsprozess waltet) da können auch Mems entstehen. Künstliche Intelligenz kann keine Mems hervorbringen – ob jemand ‘typisch deutsche Meme’ als solche anzuerkennen bereit ist, ist eine andere, den oder die UrteilendeN betreffende Frage. Hier ist das Video vom ersten Vortrag moots im Raum D bei den Paraflows:

more about "Moot (4chan) about creating memes", posted with vodpod

Gepostet mit Vodpod, auf ustream hier zu finden.

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3 Kommentare leave one →
  1. 22. September 2009 8:48 nachmittags

    Mute. Und alleine der Fakt, dass es eine Diskussion über die Grundlagen von 4chan und ihre gestalterische Macht gab, ist dermassen ironisch, dass man nicht anderes tun kann als milde lächeln über die Art von Pseudo- Intelligenzja- 2.0, die sich in schier unendlichen geistigen Onanien darüber auslässt, wie sich derlei Phänomene erklären lassen können und wie man -natürlich immer unter dem obligatorischen Mantel der “total community, weisste?”- Attitüde- am besten persönlichen Vorteil in Geldmitteln daraus ziehen könnte.

    Um im Bild zu bleiben: LULZ WERE HAD.

  2. 22. September 2009 8:52 nachmittags

    nö, moot.

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  1. Hamburg, Mainz, Wuppertal «                digiom. ein studienblog über           das leben in und mit digitalen online medien.

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