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Susan Boyle, Paul Potts et al.: Das Opium fürs Volk, jetzt mit neuem Flavour

15. April 2009

Susan Boyle, 47-jährig, Britain’s Got Talent-Kandidatin, hat eine Katze namens Pebbles und ist arbeitslos, aber am liebsten wird ihre Selbstbeschreibung “never been married, never been kissed” in ihren Medienprofilen zitiert. Etliche Millionen Views auf YouTube, und auch ich gestehe unumwunden ein: Ich habe das Video ungefähr schon ein halbes Dutzend Mal gesehen und werde es mir sicher nochmal anschauen – ähnlich wie ich mir auch vom ersten Auftritt von Paul Potts an Herz und an die Tränendrüse habe greifen lassen, und allzu willig nur!

Zugleich: erfasst mich gelinde Wut, wenn diese Geschichten und ihre universellen Deutungsmuster nach mir greifen. Zwar erscheinen sie wie “Wunder des Alltags”, doch der irrt sich, der glaubt, dass sie zufällig entstehen. Der Screeningprozess vor diesen Shows – dort wo die ausgewählt werden, die dann der Jury präsentiert werden – geht aus guten Gründen in das mediale Phantasma selbst gar nicht erst ein.

Nicht zufällig entdeckt, sondern bewusst ausgewählt werden die, die eine gute Story liefern – entweder weil sie sich völlig selbst überschätzen, und daher beim folgenden Auftritt lächerlich machen, oder weil sie wirklich Talent UND dazu auch eine passende Aschenputtel-Story mitliefern. Schön ist das beschrieben in Anoraks Kommentar zu einer anderen Britains’s got Talent Kandidatin, der Nackttänzerin Fabia Cerra: “But, Fabia, where you bullied? And would you say you were morbidly obese? So you were bullied? You need to have been bullied to get on in Britain’s Got Sob Stories… “

Das TV-Narrativ “Susan Boylerella” war auch clever genug aufbereitet, um ihren Auftritt gleich doppelt so unwahrscheinlich wirken zu lassen: erste Einstellung – Susan beißt in ein mitgebrachtes Sandwich. Kann das ein Star sein? Nie im Leben, sicher eine Selbstüberschätzerin – und bilde ich mir das ein, oder wurde schon in diese ersten Sequenzen Gelächter hineingemischt?

Später, auf der Bühne: Simon Cowell rollt die Augen, Piers Morgan rümpft die Nase, Susan sagt, sie sei 47 – wiederum Gelächter, als sei das allein schon Anlass genug für einen Witz. Ageism pur! Aber dann singt sie, das Publikum bricht aus in tosenden Jubel, weil es weiß, wie es sich in diesem nunmehr altbekannten Narrativ zu verhalten hat. Man hat ja bei Paul Potts gelernt. (Notiz: Bei ihm brach der Jubel noch, obwohl die Performance nicht weniger erstaunlich, erst beim zweiten Einsatz aus.) Aber man will ja den Phönix aus der Asche steigen sehen, man will ja daran glauben dürfen, dass sich wahres Talent doch immer, gar notwendigerweise durchsetzt.

Firlefanz. Wahrscheinlicher ist, dass Personen wie Susan Boyle, selbst fast schon Stereotyp der Cat Lady, auch weiterhin an den Rand gedrängt werden und dort auch bleiben – der Erfolg der einen Susan Boyle wird nicht dazu führen, dass mit den Cat Ladies dieser Welt, den ältlichen Jungfern, den übergewichtigen Telefonverkäufern mit Selbstbewusstseinsproblem freundlicher umgegangen wird.

Und so wird der gesellschaftliche Friede gleich dreifach gesichert:

Indem man sich über “frumpy old ladies”, die sich auf die Bühne solcher Shows wagen, lustig macht (man= das Konglomerat, das Showkonzept, Wirschaftsinteressen, Jury und Publikum zuhause wie im Studio kollektiv bilden), wird die hegemoniale Lebensweisheit, dass nur die Jungen, Schönen, wirtschaftlich Starken was wert sind, perpetuiert.

Gleichzeitig söhnt man sich mit seiner eigenen Voreingenommenheit aus, in dem man die eine Susan Boyle, den einen Paul Potts in den Rang der “Stars aus unserer Mitte” erhebt. Freilich nur, weil sie so schön singen können. Wär ja noch schöner, wenn hier einer was bekäme, ohne was dafür zu leisten.

Und drittens dürfen wir alle hoffen, dass es doch noch so etwas gibt wie die eine große Chance für alle, dass das System so wie es ist, doch irgendwie ganz gerecht ist.

Stars aus dem Reality TV – das ist das wahre, das neue Opium des Volks!*

*) Dem auch ich erlegen bin – würde ich es mir sonst leisten, mir von diesen Erlösungsnarrativen am Weltbild zupfen zu lassen, jedesmal, wenn ich mir das Video anschaue? Und Lotto spiel’ ich obendrein – regelmäßig!

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17 Kommentare leave one →
  1. Cornel permalink
    16. April 2009 5:46 nachmittags

    ich habe selten eine solch gute, analytische klärung/deutung gelesen wie die des verfassers des. v.g. textes.
    wie oft liest man wirkliche kacke..wenn es darum geht, aufschluß angesichts der eigenen emphase angesichts solcher “miracles” zu erhalten.
    top!
    ich wünschte mir..öfters solch kluge analysen zu lesen zu bekommen!

  2. sunneschii permalink
    16. April 2009 5:58 nachmittags

    Sehr schön gesagt.

  3. 17. April 2009 1:21 vormittags

    @Cornel @sunneschii vielen dank! das thema brannte mir eh einigermaßen unter den nägeln, in anbetracht meiner eigenen faszination und abgestoßenheit.

  4. videoreisetagebuch permalink
    17. April 2009 6:14 vormittags

    geht mir genauso. ich war zu tränen gerührt und gleichzeitig fand ich es schlimm, dass die strategie auch bei mir wirkt.
    ein gewisses mass an bewunderung bringe ich den machern der show allerdings auch entgegen. 2 mal so eine geschichte zu inszenieren und damit durchzukommen – dazu gehoert schon was.

  5. 17. April 2009 12:50 nachmittags

    ja, hat mich auch gewundert. zumal die jury z.t. die exakt gleichen worte verwendet hat.

  6. 18. April 2009 10:38 vormittags

    das hast du super zusammengefasst und analysiert. ja und die tränen kommen mir auch immer… keine ahnun warum, aber es wirkt.

  7. 19. April 2009 10:02 nachmittags

    Sehr schöne differenzierte Sicht- und Herangehensweise an das “Phänomen” Susan Boyle / Paul Potts und eine fast schon medienpsychologische Kriegsführung. Respekt!

  8. 20. April 2009 8:47 vormittags

    he, danke für den respekt:)

  9. Thomas Pohle permalink
    21. April 2009 6:11 nachmittags

    schön das die klugschwätzer nicht aussterben.
    welches ego muß man eigentlich besitzen, um dieses kleine stück wirklich ans herz gehende “märchen” so zu analysieren – ob inziniert oder nicht.
    gott sei dank werden das geschwafel nicht annähernd so viele lesen, wie Susan klicks hatte z.Z. ca. 100.000.000 X

  10. 21. April 2009 11:20 nachmittags

    geh weiter, wenn du märchen willst, ebenso wenn du glaubst, dass masse für qualität steht.

    zum beispiel hier entlang:

    http://www.google.at/search?hl=en&q=Susan+Boyle+amazing&btnG=Google+Search&aq=f&oq=

    auf wiedersehen.

  11. 11. Januar 2010 6:47 nachmittags

    Gebe Thomas Pohle recht,
    natürlich wird die Show vorbereitet gewesen sein, na und?
    Alles ist vorbereitet TV, Sport, Uni…….
    Schaut lieber darnach, dass Susan Boyle in Zukunft behutsam gehandelt und nicht nur
    ausgebeutet und wenn der Erfolg aus welch immer Gründen ausbleibt oder den
    sie den Geschäftemachern nicht mehr opportun ist, einfach weggelegt wird…
    Es gibt durchaus unattraktive Sänger/innen, die durch ein Marketing wenn auch nicht in
    den Hitlisten, so doch nachhalting
    und für eine gar nicht so kleine Gruppe von Menschen wenigstens sporadisch Erfolg haben.
    Ist doch ein positiver Impuls, wenn auch Absicht:
    eine phänomenale, unverdorbene Stimme überwiegt andere Kriterien

  12. 11. Januar 2010 8:04 nachmittags

    naja, unverdorben – sie klingt wie jede andere provinzmusicalaspiranten, eigene lieder hat sie gar nicht. wär nicht die story drumrum würde sich niemand für SuBo interessieren.

  13. christine müller permalink
    3. Februar 2010 1:13 nachmittags

    Ich bin ein Fan von Susan Boyle.Was hat man an ihr auszusetzen?Schaut euch mal die Musikwelt an,alles Mädls NUR in aufreizenden Kostümen,geschminkt das man nach den abschminken das Mädl nichtmehr erkennt.Shows,die von der (nicht)Stimme ablenken soll,da sie nicht vorhanden ist.Ach ja,ist doch egal ob die Lieder von ihr stammen,bei den 0815 Sängerinnen wird das garnicht erwartet,die müssen nur geil aussehen.Talent zählt in der Musikwelt nichtmehr.Leider wird es auch Susan Boyle passieren das man sie ausnützt,Leute sich in ihrem Ruhm sonnen und hinten herum gegen sie reden.der MUSIKINDUSTRIE ist es doch egal was aus ihr wird,hauptsache die Kasse stimmt.

  14. Kerstin permalink
    20. Juli 2010 1:33 nachmittags

    Ja, das waren noch Zeiten. Die Susan hat sich wie jeder weiss ganz schön gemausert! Super!

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