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Lesen: Die Digitale Erlösungslehre

25. November 2008

“Als es noch den real existierenden Sozialismus gab, mit all seinen unerfreulichen Eigenschaften, brauchte der Kapitalismus nicht sonderlich ideologisch aufzutreten: Für jeden vernünftigen Menschen war offensichtlich, warum es sich in West-Berlin besser lebte als in Ost-Berlin, in New York besser als in Moskau. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges und der Alternativlosigkeit, die damit einherging, hat der westliche Kapitalismus begonnen, ideologische Züge zu entwickeln: zum einen das marktradikale Programm, das Steuern verteufelt, den Markt stets für klüger als den Staat ansieht und »Eigenverantwortung« auch bei benachteiligten Menschen für besser hält als kollektive Systeme der Daseinsvorsorge. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher brachte diese geistige Strömung auf den Punkt, als sie sagte, es gebe keine Gesellschaft, nur Individuen.

Was dem Katalog der marktwirtschaftlichen Pseudogesetzmäßigkeiten aber noch fehlte, war das andere: ein Transzendenz-, ein Heilsversprechen, das das Leben in diesem neuen Kapitalismus auch für diejenigen attraktiv machen konnte, die von der Jeder-für-sich-Doktrin materiell nicht profitierten. Dieses andere beginnt sich seit Anfang der neunziger Jahre herauszuschälen. Das neue Heilsversprechen unserer Gesellschaftsordnung ist gekoppelt an eine Technologie ohne Präzedenzfall: an die Digitalisierung der Welt, an die Ausbreitung des Internets als Weg zu Wissen und Wohlstand für alle.”

Weiterlesen:

DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48 [http://www.zeit.de/2008/48/Cyberspace]

Internet

Von Susanne Gaschke
Die digitale Erlösungslehre
Das Internet formuliert die neue Verheißung des Kapitalismus: Grenzenloses Wissen, für alle, gratis? Lasst euch nicht verführen!

Gefunden via Tweet von Christian Klepej

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6 Kommentare leave one →
  1. Andreas Sierek Permalink
    26. November 2008 9:29 vormittags

    Liebe Jana, da ist einerseits deine Leseempfehlung und andererseits das Reizwort “Erlösungslehre”, also las ich, zumal der Artikel in der angesehen Zeit erschien.

    Welche Enttäuschung. Da ist bloß polemisches Geraunze einer übrig Gebliebenen. Zitate, so ausgewählt, dass sie der Intention des Artikels entsprechen, sind keine Argumente. Die Autorin sieht Ideologie, wo ich Technologie und Medium sehe, deren Potential gerade erst begonnen hat, sich zu entwickeln.

    Gaschke: “Sagen wir, dass es eine Interpretation der digitalen Entwicklung gibt, die keineswegs neutral ist, sondern ideologische Züge trägt…”

    Ich: Na und? Jede neue Entwicklung, die große Veränderungen in der Gesellschaft hervorruft, und somit große Unsicherheit, bringt lautstarke Ideologen hervor, die entweder Utopien anpreisen oder das Verlorene beklagen.

    Gaschke: “Es geht darum, dass freie Menschen das Recht haben, Technik zu benutzen, ohne sie anbeten zu müssen.”

    Ich: Mir fehlt dieses Recht nicht. Denn, ob frei oder nicht, ich bete keine Technik an, benutzt oder ungenutzt.

    Jedoch, folgende interessante Frage bleibt: Was wird passieren, wenn in Folge des immer rascheren Wandels in allen Gesellschaften die zurück Gebliebenen zur überwältigenden Mehrheit geworden sind?

  2. 26. November 2008 11:32 vormittags

    Lieber Andreas,

    ich gebe die recht, das war auh mein erster Eindruck, “polemisches Geraunze einer übrig Gebliebenen.”

    Ich überlege gerade, wie man auf derartige Einwände reagieren kann, ohne umgekehrt auf die gleiche Polemisierung zurück zu greifen?

    Später mehr, grad nur wenig Zeit.

  3. 27. November 2008 12:25 nachmittags

    eine reaktion (meine) wäre (ist), diesen artikel etwa eben nicht als »polemisches geraunze einer übrig gebliebenen« zu bezeichnen. was ja gerade eben ein polemisches geraunze einer vorne gebliebenen wäre. es erscheint mir schlicht wichtig, von Gaschke geschriebenes a u c h gesagt zu wissen. mehr nicht. oder mehr licht?

    lg aus graz, christian

  4. 27. November 2008 1:19 nachmittags

    Eben, eben. Ich ertappte mich beim Lesen des Artikels bei verschiedenen Reaktionen:
    - dass ich durchaus auch dieser Erlöungslehre (Information rettet alles) verfallen bin
    - des weiteren bei der Beobachtung, dass ich immer mehr bookmarke, aber nur wenig davon lese (früher war das “kopieren statt kapieren”, jetzt “bookmarken statt lesen”)
    - ich trotzdem fand, dass es ein maschinenstürmerischer artikel ist, auch wenn er am Ende sagt, er sei es nicht (der Polemik auf den Leim gegangen bin?)

    und letztlich eben, wie oben geschrieben, aber etwas ausgeführter:

    Welche Position bezieht man, ohne in das polemische geraunze der sich ewig als Avantgarde Imaginierenden zu verfallen?

  5. Andreas Sierek Permalink
    28. November 2008 3:39 nachmittags

    Kritik der Kritik: Mein voriger Kommentar beginnt mit einem herabwürdigenden Urteil über Frau Gaschke. Dies ist sehr schlechtes Benehmen. Solches lege ich im privaten Kreis allzu oft an den Tag, jedoch kaum jemals im öffentlichen Bereich.

    Zwar nicht in diesem Artikel, aber in zahlreichen anderen Publikationen wurde auf die Neigung zu rüppelhaftem Umgangston im Internet hingewiesen. Mir war dies bekannt, ich fühlte mich immun, und dennoch habe ich mich dazu hinreissen lassen.

    Ich könnte mich jetzt beschämt aus der Online-Welt zurückziehen, in anderen Medien vor der sittenzerstörerischen Wirkung des Internet warnen und gegen seine weitere ungezügelte Verbreitung auftreten. Das tue ich aber nicht. Vielmehr entschuldige ich mich hiermit für mein Fehlverhalten. Es tut mir leid. Ich werde darauf achten, dass es sich nicht wiederholt. Und vielen Dank, dass ich hier so mild auf meinen Fehler hingewiesen wurde.

    Aber wieder zur Sache: Es ist richtig, dass wir Mühe haben sinnvoll mit der im Internet verfügbaren Informationsfülle umzugehen, dass wir viel Informationsshopping und wenig Wissensgewinnung betreiben, dass wir Detailwissen zur Lösung aktueller Kleinaufgaben suchen und der Mühe uns umfassendes Überblickswissen anzueignen, immer mehr aus dem Weg gehen.

    Nun, wer das als Fehler empfindet, der sucht nach einem guten Weg, das Werkzeug Internet so zu nutzen, dass es ihm besser dient. So nüchtern kann man damit umgehen.

    Und ganz ähnllich verhält es sich wohl auch mit dem Kommunikationsverhalten und sozialer Interaktion über die Medien, die im Internet zur Verfügung stehen.

    Da bedarf es keines Aufbegehrens gegen eine vermeintliche “Heilslehre”. Es genügt Fehlentwicklungen zu erkennen, sie nüchtern aufzuzeigen, sich darauf einzustellen und es besser zu machen. Sehe ich das etwa zu einfach?

  6. 28. November 2008 9:41 nachmittags

    Da muss man sich nicht schämen, so kommen Flame wars zustande, die reduzierte Sinnlichkeit des Texts und das solipsistische Schreiben am Rechner sind daran schuld. Öffentlich und unter dem eigenen Namen posten hilft regulieren.

    Der Text von Gaschke will ja auch polarisieren (ist nicht nüchtern, zeigt nicht nüchtern auf), der klassische Kommentar ist eh sowas wie eine kleine Internetrüpelei avant la lettre, freilich von der Warte des arrivierten Reporters herunter, wo nicht jeder hinkommt:-=

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